Wir­kungs­lo­gik der Demokratie-Demos

Kurz erklärt: So wir­ken Demonstrationen

Wiebke Gülcibuk,
31.01.2024

Wehr­haf­te Demo­kra­tie Jetzt”, Ras­sis­mus ist kei­ne Mei­nung” oder Wir hal­ten zusam­men” steht auf den selbst­ge­mal­ten Pla­ka­ten. Deutsch­land demons­triert – in gro­ßen wie in klei­nen Städ­ten, im Wes­ten wie im Osten. Men­schen gehen auf die Stra­ße für Demo­kra­tie und Viel­falt sowie gegen Rechts­ex­tre­mis­mus, Hass und Het­ze. Die Fra­ge ist: Was bewirkt das Demons­trie­ren eigentlich?

Seit­dem das gemein­nüt­zi­ge Recher­chenetz­werk Cor­rec­tiv im Janu­ar 2024 Depor­ta­ti­ons­plä­ne der extre­men Rech­ten auf­deck­te, gehen Mil­lio­nen Men­schen auf die Stra­ße. Stu­di­en aus dem euro­päi­schen Aus­land wei­sen dar­auf hin, dass Demons­tra­tio­nen die Zustim­mung zu rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en ver­rin­gern kön­nen. Wir haben die aktu­el­len Demos zum Anlass genom­men, ihre Wir­kungs­wei­se mit der PHINEO-Wir­kungs­lo­gik zu erfassen.

Wir­kungs­lo­gik der Demokratie-Demos

Die Wir­kungs­lo­gik star­tet damit, dass zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen über­all in Deutsch­land Demons­tra­tio­nen anmel­den – Stu­fe 1 in der Wir­kungs­lo­gik – und die Bevöl­ke­rung über ihre Netz­wer­ke und Medi­en dazu auf­ru­fen, an den Demons­tra­tio­nen teil­zu­neh­men – Stu­fe 2 in der Wir­kungs­lo­gik. Tei­le der Bevöl­ke­rung iden­ti­fi­zie­ren sich mit den Auf­ru­fen, die Titel tra­gen wie Gemein­sam gegen Rechts­ex­tre­mis­mus! Gemein­sam für Mensch­lich­keit und Demo­kra­tie!”, Nie wie­der ist jetzt!” oder Gegen die AfD – Wir schwei­gen nicht. Wir schau­en nicht weg. Wir han­deln!” und neh­men zu Tau­sen­den an den Demons­tra­tio­nen teil – mit­hin Stu­fe 3 in der Wirkungslogik. 

Wir­kung pas­siert auf den Demonstrationen

Wer demons­triert und mit einer gro­ßen Zahl Gleich­ge­sinn­ter auf die Stra­ße geht, erfährt dort ein Gemein­schafts­ge­fühl und Selbst­wirk­sam­keit – Stu­fe 4 der Wir­kungs­lo­gik, ab die­ser Stu­fe sind ers­te Wir­kun­gen zu sehen. Das ver­än­der­te Bewusst­sein spie­gelt sich womög­lich auch in einem ver­än­der­ten Ver­hal­ten wider: Teilnehmer*innen spre­chen im Freun­des- und Bekann­ten­kreis über die Demons­tra­tio­nen. Eini­ge insti­tu­tio­na­li­sie­ren ihren Pro­test, indem sie gemein­nüt­zi­gen Orga­ni­sa­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft und/​oder Par­tei­en bei­tre­ten. Es erscheint nahe­lie­gend, dass der­lei sen­si­bi­li­sier­te Demo-Teil­neh­men­de wäh­len gehen und ihr Kreuz nicht bei rechts­ex­tre­men Par­tei­en machen – Stu­fe 5 der Wirkungslogik. 

Demons­tra­tio­nen haben einen Multiplikatoreffekt

Demons­tra­tio­nen wir­ken aber auch auf jene, die ihnen zunächst fern­blei­ben. Da über die Anzahl als auch den regen Zulauf der Demons­tra­tio­nen medi­al breit berich­tet wird – Stu­fe 1 in der Wir­kungs­lo­gik – wer­den Tei­le der Bevöl­ke­rung erreicht, die bis dato nicht aktiv teil­ge­nom­men haben – Stu­fe 2 in der Wir­kungs­lo­gik. Bis­her Unbe­tei­lig­te lesen Arti­kel, set­zen sich mit den Inhal­ten der Demons­tra­tio­nen auseinander und erfah­ren von den nächs­ten Demo-Ter­mi­nen – Stu­fe 3 in der Wir­kungs­lo­gik. Bei eini­gen führt das dazu, dass sie sich poli­ti­sie­ren und eine Not­wen­dig­keit dar­in erken­nen, nun eben­falls aktiv an einer der Demonstrationen teil­zu­neh­men – Stu­fe 4 der Wir­kungs­lo­gik. Sie wer­den akti­ver Teil der Demons­trie­ren­den – Stu­fe fünf der Wir­kungs­lo­gik. Die­ser Mul­ti­pli­ka­tor­ef­fekt führt dazu, dass aktu­ell immer mehr Men­schen an den Demons­tra­tio­nen teil­neh­men. Ande­re schlie­ßen sich zwar kei­ner Demons­tra­ti­on an, hin­ter­fra­gen aber womög­lich ihre Posi­tio­nen und ent­schei­den sich am Wahl­tag dafür, wäh­len zu gehen und zwar eine demo­kra­ti­sche Partei.

Spinnt man die­se Wir­kungs­lo­gik wei­ter, ist es denk­bar, dass die Demons­tra­tio­nen und die all­ge­mei­ne Poli­ti­sie­rung auch die Lebens­la­ge der Demo-Teil­neh­men­den ver­än­dern kann – etwa weil sie selbst rechts­po­pu­lis­ti­schen Paro­len deut­li­cher wider­spre­chen und sich damit im unmit­tel­ba­ren Umfeld für Demo­kra­tie ein­set­zen, oder auch, weil sie zu neu­en For­men des zivil­ge­sell­schaft­li­chen oder poli­ti­schen Enga­ge­ments fin­den – Stu­fe 6 der Wirkungslogik.

All die­se Schrit­te kön­nen dazu füh­ren, dass rechts­po­pu­lis­ti­sche The­men in den Hin­ter­grund rücken, die Wahl­be­tei­li­gung steigt sowie die Anzahl Stim­men bzw. Stimm­an­tei­le für rechts­ex­tre­me Par­tei­en gerin­ger aus­fal­len. Damit wäre ein gesell­schaft­li­cher Impact erreicht – Stu­fe 7 der Wirkungslogik.

Son­ja Schäff­ler, Ana­lys­tin bei PHINEO

Demons­tra­tio­nen mani­fes­tie­ren Wir­kung: Par­tei­en posi­tio­nie­ren sich offen gegen Rechts­ex­tre­mis­mus und Demo­kra­tie­feind­lich­keit – ein kla­rer Anreiz, auf die Stra­ße zu gehen.”

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Wiebke Gülcibuk

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