Nachhaltige KI: Künstliche Intelligenz mit realen Folgen
Wie kann Zivilgesellschaft Künstliche Intelligenz mitgestalten? – Für unseren KI-Newsletter „AI 4 Good” sprachen wir mit Nicole Wolf, Nachhaltigkeitsexpertin und Beraterin für nachhaltige Digitalisierung.
PHINEO: Was bedeutet es, digitale Angebote oder KI „nachhaltig” und „verantwortlich” einzusetzen?
Wir nehmen ernst, dass Digitalisierung eine materielle Seite hat; sie verbraucht Ressourcen, verursacht Treibhausgase und trägt zur Belastung der Umwelt bei. KI wirkt damit als Brandbeschleuniger für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. On top haben technische Systeme immer auch soziale Auswirkungen, oft mit unbeabsichtigten und unerwünschten Folgen. Wenn sich Organisation diesen Zusammenhängen stellen, eröffnet das eine Chance für mehr Selbstbestimmung und größere Souveränität im Umgang mit KI.
Wie kann ich mich dem Thema nähern?
Bei hoch-komplexen Themen wie nachhaltige KI lohnt sich ein systematisches Vorgehen. Wichtig ist dabei, Kriterien nicht als simple Checkliste zu verstehen, denn die einzelnen Aspekte sind nicht trennscharf, wirken aufeinander und stehen teilweise im Widerspruch zueinander. Um Zielkonflikten zu begegnen, braucht es einen partizipativen Prozess. Für nachhaltige KI gibt es eine von SustAIn entwickelte Selbstbewertung, speziell für Organisationen.
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Welche Kriterien sind aus deiner Sicht am wichtigsten?
Nachhaltigkeit beruht auch bei KI auf einem Zusammenspiel ökologischer, sozialer und ökonomischer Kriterien. Die 17 SDGs bieten einen Rahmen, um Technik zu bewerten. Entlang SDG 5, Geschlechtergerechtigkeit, lässt sich beispielsweise prüfen, ob KI strukturelle Ungleichheiten reduziert oder – wie so oft – Diskriminierung und stereotype Muster reproduziert. Ein Problem ist, dass der ökologische Fußabdruck der meisten KI-Systeme nicht transparent ist. Klar ist: Der Energiebedarf großer KI-Modelle steigt stark, lässt sich nicht allein mit erneuerbaren Energien decken und geht mit hohem Trinkwasserverbrauch einher. Ressourcenschonende Rechenzentren gibt es, sie spielen aber aktuell keine Rolle. Für die Priorisierung halte ich den Blick auf den tatsächlichen Impact eines Tools für entscheidend. Ein allgemein oft sehr wirksamer Hebel in der Organisation ist außerdem die Verlängerung der Hardware-Nutzungsdauer. Refurbished Geräte nutzen, Reparierbarkeit und Ersatzteile einplanen, Leihmodelle prüfen … und beachten, dass proprietäre Software Geräte vorzeitig unbrauchbar macht, wenn etwa Updates eingestellt werden.
Kann man die Nachhaltigkeit von Tools messen?
Ja. Gleichzeitig besteht noch erhebliche Intransparenz, sowohl bei der Hardwareproduktion, in der neben Treibhausgasemission bei der Herstellung auch der Bedarf an sog. Konfliktrohstoffen eine Rolle spielen, als auch im Betrieb von cloudbasierten SaaS-Anwendungen. Noch wichtiger als die exakte Messung ist jedoch, dass Organisationen ihr eigenes Set-up verbessern, nachhaltigere Alternativen wählen und deren Verbreitung und Verbesserung unterstützen. Je besser wir die Zusammenhänge verstehen, desto gezielter können wir zudem politische Regulierungen unterstützen, die für eine nachhaltige Digitalisierung zentral sind.
Über Nicole Wolf
Nicole Wolf ist Nachhaltigkeitsexpertin und selbständige Beraterin für nachhaltige Digitalisierung, digitale Plattformen und Tools. Nicole Wolf setzt sich seit den 90-er-Jahren mit Auswirkungen der Digitalisierung auseinander und hat sich 2019 auf digitale Nachhaltigkeitsaspekte spezialisiert.
Auch ehrenamtlich engagiert sich Nicole, u.a. beim gemeinwohlorientierten Plattform-Anbieter wechange eG und im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V., für eine nachhaltige und gemeinwohlorientierte digitale Transformation. Sie ist erreichbar über nachhaltig-digital.eu.
Wie gehe ich mit dem Spagat beim Thema KI um, zwischen Innovationsdruck und verantwortlichem Handeln? – Ich möchte doch auf beides angemessen reagieren …
Der Balanceakt beginnt mit der Frage, was überhaupt als sinnvolle Innovation gilt. Entscheidend ist, ob KI-Anwendungen tatsächlich die Qualität unserer Arbeit und gesellschaftliche Verhältnisse verbessern oder ob wir vor allem auf Versprechen von Big-Tech, Marketing-Narrative und unsere eigene FOMO (fear of missing out) reagieren. Schnellere Arbeit allein reicht nicht als Rechtfertigung, wenn der Preis in Form von Umweltzerstörung, der Ausbeutung von Datenarbeiter:innen und digitalem Kolonialismus gezahlt wird.
Hilfreich sind drei Leitprinzipien aus dem Nachhaltigkeitsmanagement: Effizienz, also mit weniger Input mehr Output erzielen, allerdings unter Berücksichtung von Rebound-Effekten, bei denen Einsparungen durch Mehrnutzung wieder aufgehoben werden. Dann Konsistenz: Prozesse und Technologien ökologisch stimmig gestalten, etwa durch Kreislaufwirtschaft oder die Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren. Zuletzt Suffizienz, aus meiner Sicht das wichtigste Prinzip, weil es über Technik hinausgeht. Wir vermeiden, was nicht notwendig ist, und denken in Entkommerzialisierung und Entflechtung, etwa indem wir Software als Gemeingut mit offenem Quellcode entwickeln.
So lässt sich Innovation nicht als Selbstzweck, sondern entlang klarer Kriterien prüfen. Was hilft wirklich und was können wir dagegen mit Blick auf Umwelt und Menschen nicht verantworten?
Kannst du praktische Beispiele nennen, wie nachhaltige digitale Tools in Non-Profits erfolgreich eingesetzt wurden?
Beim Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V. wird digitale Transformation bewusst nachhaltig gestaltet: Der Verein betreibt Freie Software auf eigenen Servern und stellt Mitgliedern Dienste wie BigBlueButton (Videokonferenzen), Mattermost (Team-Kommunikation) und Nextcloud (Kollaboration und Dateiaustausch) zur Verfügung. So werden Ressourcen geschont und Abhängigkeiten von großen Monopolanbieter konsequent vermieden.
Die Wechange-Genossenschaft entwickelt mit UniteOS eine nachhaltige Plattformlösung für Kollaboration, Kommunikation und Vernetzung und betreibt mehrere Plattformen für Verbände, Stiftungen und Kommunen. Ein Beispiel ist die Vernetzungsplattform des IT-Verbunds Schleswig-Holstein, der als Kompetenzzentrum für Verwaltungsdigitalisierung arbeitet. Das Land Schleswig-Holstein gilt zudem als Vorreiter bei Open-Source-Software in der Verwaltung und hat u.a. LibreOffice als Standard-Office-Lösung eingeführt.
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