Nach­hal­ti­ge KI: Künst­li­che Intel­li­genz mit rea­len Folgen

Florian Hinze,
06.07.2026

Wie kann Zivil­ge­sell­schaft Künst­li­che Intel­li­genz mit­ge­stal­ten? Für unse­ren KI-News­let­ter AI 4 Good” spra­chen wir mit Nico­le Wolf, Nach­hal­tig­keits­exper­tin und Bera­te­rin für nach­hal­ti­ge Digitalisierung.

PHI­NEO: Was bedeu­tet es, digi­ta­le Ange­bo­te oder KI nach­hal­tig” und ver­ant­wort­lich” einzusetzen? 

Wir neh­men ernst, dass Digi­ta­li­sie­rung eine mate­ri­el­le Sei­te hat; sie ver­braucht Res­sour­cen, ver­ur­sacht Treib­haus­ga­se und trägt zur Belas­tung der Umwelt bei. KI wirkt damit als Brand­be­schleu­ni­ger für die Zer­stö­rung unse­rer Lebens­grund­la­gen. On top haben tech­ni­sche Sys­te­me immer auch sozia­le Aus­wir­kun­gen, oft mit unbe­ab­sich­tig­ten und uner­wünsch­ten Fol­gen. Wenn sich Orga­ni­sa­ti­on die­sen Zusam­men­hän­gen stel­len, eröff­net das eine Chan­ce für mehr Selbst­be­stim­mung und grö­ße­re Sou­ve­rä­ni­tät im Umgang mit KI

Wie kann ich mich dem The­ma nähern? 

Bei hoch-kom­ple­xen The­men wie nach­hal­ti­ge KI lohnt sich ein sys­te­ma­ti­sches Vor­ge­hen. Wich­tig ist dabei, Kri­te­ri­en nicht als simp­le Check­lis­te zu ver­ste­hen, denn die ein­zel­nen Aspek­te sind nicht trenn­scharf, wir­ken auf­ein­an­der und ste­hen teil­wei­se im Wider­spruch zuein­an­der. Um Ziel­kon­flik­ten zu begeg­nen, braucht es einen par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zess. Für nach­hal­ti­ge KI gibt es eine von Sus­tAIn ent­wi­ckel­te Selbst­be­wer­tung, spe­zi­ell für Orga­ni­sa­tio­nen

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Wel­che Kri­te­ri­en sind aus dei­ner Sicht am wichtigsten? 

Nach­hal­tig­keit beruht auch bei KI auf einem Zusam­men­spiel öko­lo­gi­scher, sozia­ler und öko­no­mi­scher Kri­te­ri­en. Die 17 SDGs bie­ten einen Rah­men, um Tech­nik zu bewer­ten. Ent­lang SDG 5, Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit, lässt sich bei­spiels­wei­se prü­fen, ob KI struk­tu­rel­le Ungleich­hei­ten redu­ziert oder – wie so oft – Dis­kri­mi­nie­rung und ste­reo­ty­pe Mus­ter repro­du­ziert. Ein Pro­blem ist, dass der öko­lo­gi­sche Fuß­ab­druck der meis­ten KI-Sys­te­me nicht trans­pa­rent ist. Klar ist: Der Ener­gie­be­darf gro­ßer KI-Model­le steigt stark, lässt sich nicht allein mit erneu­er­ba­ren Ener­gien decken und geht mit hohem Trink­was­ser­ver­brauch ein­her. Res­sour­cen­scho­nen­de Rechen­zen­tren gibt es, sie spie­len aber aktu­ell kei­ne Rol­le. Für die Prio­ri­sie­rung hal­te ich den Blick auf den tat­säch­li­chen Impact eines Tools für ent­schei­dend. Ein all­ge­mein oft sehr wirk­sa­mer Hebel in der Orga­ni­sa­ti­on ist außer­dem die Ver­län­ge­rung der Hard­ware-Nut­zungs­dau­er. Refur­bis­hed Gerä­te nut­zen, Repa­rier­bar­keit und Ersatz­tei­le ein­pla­nen, Leih­mo­del­le prü­fen … und beach­ten, dass pro­prie­tä­re Soft­ware Gerä­te vor­zei­tig unbrauch­bar macht, wenn etwa Updates ein­ge­stellt werden. 

Kann man die Nach­hal­tig­keit von Tools messen? 

Ja. Gleich­zei­tig besteht noch erheb­li­che Intrans­pa­renz, sowohl bei der Hard­ware­pro­duk­ti­on, in der neben Treib­haus­gas­emis­si­on bei der Her­stel­lung auch der Bedarf an sog. Kon­flik­troh­stof­fen eine Rol­le spie­len, als auch im Betrieb von cloud­ba­sier­ten SaaS-Anwen­dun­gen. Noch wich­ti­ger als die exak­te Mes­sung ist jedoch, dass Orga­ni­sa­tio­nen ihr eige­nes Set-up ver­bes­sern, nach­hal­ti­ge­re Alter­na­ti­ven wäh­len und deren Ver­brei­tung und Ver­bes­se­rung unter­stüt­zen. Je bes­ser wir die Zusam­men­hän­ge ver­ste­hen, des­to geziel­ter kön­nen wir zudem poli­ti­sche Regu­lie­run­gen unter­stüt­zen, die für eine nach­hal­ti­ge Digi­ta­li­sie­rung zen­tral sind. 

Über Nico­le Wolf

Nico­le Wolf ist Nach­hal­tig­keits­exper­tin und selb­stän­di­ge Bera­te­rin für nach­hal­ti­ge Digi­ta­li­sie­rung, digi­ta­le Platt­for­men und Tools. Nico­le Wolf setzt sich seit den 90-er-Jah­ren mit Aus­wir­kun­gen der Digi­ta­li­sie­rung aus­ein­an­der und hat sich 2019 auf digi­ta­le Nach­hal­tig­keits­aspek­te spe­zia­li­siert. 

Auch ehren­amt­lich enga­giert sich Nico­le, u.a. beim gemein­wohl­ori­en­tier­ten Platt­form-Anbie­ter wech­an­ge eG und im Netz­werk Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft e.V., für eine nach­hal­ti­ge und gemein­wohl­ori­en­tier­te digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on. Sie ist erreich­bar über nach​hal​tig​-digi​tal​.eu.

Wie gehe ich mit dem Spa­gat beim The­ma KI um, zwi­schen Inno­va­ti­ons­druck und ver­ant­wort­li­chem Han­deln? – Ich möch­te doch auf bei­des ange­mes­sen reagieren … 

Der Balan­ce­akt beginnt mit der Fra­ge, was über­haupt als sinn­vol­le Inno­va­ti­on gilt. Ent­schei­dend ist, ob KI-Anwen­dun­gen tat­säch­lich die Qua­li­tät unse­rer Arbeit und gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se ver­bes­sern oder ob wir vor allem auf Ver­spre­chen von Big-Tech, Mar­ke­ting-Nar­ra­ti­ve und unse­re eige­ne FOMO (fear of miss­ing out) reagie­ren. Schnel­le­re Arbeit allein reicht nicht als Recht­fer­ti­gung, wenn der Preis in Form von Umwelt­zer­stö­rung, der Aus­beu­tung von Datenarbeiter:innen und digi­ta­lem Kolo­nia­lis­mus gezahlt wird. 

Hilf­reich sind drei Leit­prin­zi­pi­en aus dem Nach­hal­tig­keits­ma­nage­ment: Effi­zi­enz, also mit weni­ger Input mehr Out­put erzie­len, aller­dings unter Berück­sich­tung von Rebound-Effek­ten, bei denen Ein­spa­run­gen durch Mehr­nut­zung wie­der auf­ge­ho­ben wer­den. Dann Kon­sis­tenz: Pro­zes­se und Tech­no­lo­gien öko­lo­gisch stim­mig gestal­ten, etwa durch Kreis­lauf­wirt­schaft oder die Nut­zung von Abwär­me aus Rechen­zen­tren. Zuletzt Suf­fi­zi­enz, aus mei­ner Sicht das wich­tigs­te Prin­zip, weil es über Tech­nik hin­aus­geht. Wir ver­mei­den, was nicht not­wen­dig ist, und den­ken in Ent­kom­mer­zia­li­sie­rung und Ent­flech­tung, etwa indem wir Soft­ware als Gemein­gut mit offe­nem Quell­code ent­wi­ckeln. 

So lässt sich Inno­va­ti­on nicht als Selbst­zweck, son­dern ent­lang kla­rer Kri­te­ri­en prü­fen. Was hilft wirk­lich und was kön­nen wir dage­gen mit Blick auf Umwelt und Men­schen nicht verantworten? 

Kannst du prak­ti­sche Bei­spie­le nen­nen, wie nach­hal­ti­ge digi­ta­le Tools in Non-Pro­fits erfolg­reich ein­ge­setzt wurden? 

Beim Netz­werk Soli­da­ri­sche Land­wirt­schaft e.V. wird digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on bewusst nach­hal­tig gestal­tet: Der Ver­ein betreibt Freie Soft­ware auf eige­nen Ser­vern und stellt Mit­glie­dern Diens­te wie Big­BlueBut­ton (Video­kon­fe­ren­zen), Mat­ter­most (Team-Kom­mu­ni­ka­ti­on) und Next­cloud (Kol­la­bo­ra­ti­on und Datei­aus­tausch) zur Ver­fü­gung. So wer­den Res­sour­cen geschont und Abhän­gig­kei­ten von gro­ßen Mono­pol­an­bie­ter kon­se­quent ver­mie­den. 

Die Wech­an­ge-Genos­sen­schaft ent­wi­ckelt mit Unite­OS eine nach­hal­ti­ge Platt­form­lö­sung für Kol­la­bo­ra­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­net­zung und betreibt meh­re­re Platt­for­men für Ver­bän­de, Stif­tun­gen und Kom­mu­nen. Ein Bei­spiel ist die Ver­net­zungs­platt­form des IT-Ver­bunds Schles­wig-Hol­stein, der als Kom­pe­tenz­zen­trum für Ver­wal­tungs­di­gi­ta­li­sie­rung arbei­tet. Das Land Schles­wig-Hol­stein gilt zudem als Vor­rei­ter bei Open-Source-Soft­ware in der Ver­wal­tung und hat u.a. Libre­Of­fice als Stan­dard-Office-Lösung eingeführt.

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