Zivilgesellschaft & KI: Mitgestalten oder … abgehängt werden
Wie kann Zivilgesellschaft Künstliche Intelligenz mitgestalten? – Für unseren KI-Newsletter „AI 4 Good” sprachen wir mit Marvin Schulz, Mitglied des Bundestags, der für die CDU im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung arbeitet.
PHINEO: In einer Ausschusssitzung des Bundestages sagtest du sinngemäß: Je mehr KI zur Anwendung kommt, desto stärker, schneller und gesünder ist unser Land. Worauf stützt du diese Kausalität?
Marvin Schulz: Ich glaube, dass KI in drei wesentlichen Bereichen den größten Impact haben wird: In der Gesellschaft, in der Gesundheit und in der Gefahrenabwehr. Zwei Beispiele. Gesellschaftlich müssen wir uns mit Fragen beschäftigen, die fast psychoanalytische Dimension haben: Was bedeutet es, wenn Familien zukünftig einen humanoiden Roboter haben, und der Sohn mit diesem eher über seine Probleme redet als mit seinen Eltern? Und: Was wird dieser Roboter antworten? – Darauf sollten wir vorbereitet sein.
Zweitens, den größten positiven Impact wird KI im Gesundheitsbereich haben, im präventivmedizinischen Ansatz. Krankheiten wie Demenz oder Herz-Kreislauf bauen sich über Jahre auf, und ich glaube, dass KI bei der Früherkennung extrem helfen kann. In diesem Sinne war auch meine Aussage gemeint: Je mehr wir uns mit KI beschäftigen, und je mehr wir sie einsetzen, desto stärker, desto resilienter, desto gesünder werden wir als Gesellschaft sein.
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Du betonst die Bedeutung einer europäischen digitalen Souveränität. Wie könnte eine Beteiligung der Zivilgesellschaft für dich aussehen?
Im Tech-Bereich hat man gute Erfahrungen damit gemacht, iterativ zu arbeiten. Ich wünsche mir, dass wir die Entwicklung einer digitalen, europäischen Souveränität ebenfalls iterativ angehen, also im Prozess regelmäßig Feedback einholen. Die Zivilgesellschaft sollte natürlich eine Rolle spielen, etwa indem man sie regelmäßig um Stellungnahmen bittet und diese dann auch ernsthaft berücksichtigt.
Die Regulierung von KI wird von Wirtschaftsverbänden als zu streng, von Bürgerrechtsorganisationen als zu schwach kritisiert. Teilst du die Sorge, dass am Ende ein Regelwerk entsteht, das für Konzerne mit Compliance-Abteilung machbar ist, ehrenamtlich geprägte NGOs aber vor Probleme stellen könnte?
Die Gefahr sehe ich, aber ich halte eine auf Europa bezogene Debatte für vergebene Liebesmüh. Aus meiner Sicht ergibt KI-Regulierung nur Sinn, wenn wir sie weltweit verstehen. Wir können nicht KI in Deutschland oder in Europa regulieren wollen, während für die USA oder China Tür und Tor offenstehen. Ich sehe aber weder in den USA noch in China eine Bereitschaft dafür, den Einsatz von KI an irgendwelche Regeln zu knüpfen. Und damit erübrigt sich auch die Frage, ob KI zu stark oder zu wenig reguliert ist.
Über Marvin Schulz
Marvin Schulz, Jahrgang 1994, sitzt seit 2025 für die CDU im Bundestag. Er arbeitet u.a. im Digitalausschuss. Über seine Aktivitäten informiert Marvin Schulz sehr transparent und auch unterhaltsam auf Social Media. Hier geht es zu seinem Instragram-Kanal …
Die Politik wird nicht müde, die digitale Teilhabe zu beschwören. Gleichzeitig sagen viele NGOs, dass sie bei KI-Kompetenz, Beratung, Infrastruktur komplett allein gelassen werden. Bräuchte es eine gezielte strukturelle Förderung der Zivilgesellschaft?
Auch in dieser Frage: ja und nein. KI-Kompetenz lässt sich weder alleinig über zivilgesellschaftliches Engagement noch über staatlich verordnete Education erreichen. Siehe mein Beispiel vom Anfang: Wenn du als Familienvater plötzlich mit der Situation konfrontiert bist, dass dein Sohn den Roboter als Psychotherapeuten nutzt – und der Robotereinsatz wird genauso selbstverständlich sein, wie wir heute die Waschmaschine nutzen – dann brauchst du die Kompetenz, damit umgehen zu können. Die musst du dir selber aneignen, ganz individuell. Das kann nur gelingen, wenn jeder eigenverantwortlich versucht, KI-Kompetenzen aufzubauen. Dafür sind zivilgesellschaftliche Lern- und Unterstützungsangebote hilfreich.
Welche politischen Initiativen hältst du für nötig, damit zivilgesellschaftliche Organisationen aktive Mitentwickler einer KI-Made in Germany werden?
Ich glaube, wir müssen in der Gesetzgebung, speziell in der KI-Gesetzgebung, den iterativen Ansatz verankern. Im Staatsmodernisierungsbereich, den ich im Bundestag mit bearbeiten darf, holen wir regelmäßige Feedbacks ein. Das sollte ein Must have für Gesetzgebungsverfahren sein.
Welche Schutzmechanismen kannst du dir vorstellen, damit Zivilgesellschaft nicht nur Datenlieferant ist, sondern tatsächlich gleichberechtigte Partnerin?
Auch das ist eine Frage der Education. Als Einzelperson musst du dir im Klaren darüber sein, welchen Wert deine Daten haben, um darüber entscheiden zu können, welche Daten du für welchen Zweck hergibst. Passiert aber nicht. Wir haben überhaupt keine Probleme damit, sämtliche Häkchen bei WhatsApp und bei Facebook zu setzen. Aber wenn das Standesamt deine Daten haben möchte oder das Einwohnermeldeamt, dann ärgern wir uns zurecht darüber, dass wir zahlreiche Formulare ausfüllen müssen, um die Datennutzung zu genehmigen. Da ist ein Missverhältnis zwischen der privatwirtschaftlichen Datennutzung und der staatlichen. Dieses Learning muss im eigenen Kopf verankert sein.
Und was die Datennutzung angeht, sollten wir uns in Deutschland ehrlich machen, zu erkennen, dass Daten der einzige „Rohstoff” sind, den wir im Übermaß haben. Ich sehe die Vielzahl an Daten als Chance. Wir haben kein Öl und können kein Silizium abbauen. Aber wir haben Daten en masse, wahrscheinlich mehr als jedes andere Land, weil wir eben alles dokumentiert haben in den vergangenen Jahrzehnten. Wir sollten die als gemeinschaftliche Chance begreifen, mit der Zivilgesellschaft, staatliche Strukturen und auch eine souveräne Privatwirtschaft eine KI-Landschaft bauen können.
Und wie vermeiden wir so eine Machtkonzentration bei wenigen Akteuren?
Indem wir einen Wettbewerb zulassen, der es uns als aufmerksamen Nutzer ermöglicht, zwischen verschiedenen Anbietern zu wechseln. Wenn wir eine wirtschaftliche Situation schaffen, in der morgen auch das kleinste Start-up ähnliche Chancen hätte wie ein großer Tech-Konzern, dann haben wir als Verbraucher auch jederzeit die Möglichkeit, von Anbieter A zu Anbieter B zu switchen. Und das führt dann dazu, dass unsere Daten nie dauerhaft an einer Stelle liegen, weil immer die Option besteht, dass morgen ein besseres Angebot kommt, mit größerem Mehrwert, wo wir dann mit unseren Daten hinwechseln.
Das Interview führte Florian Hinze. Es wurde Ende April 2026 im Bundestag aufgezeichnet.
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