Nazis machen Nazisachen!”

PHINEO-Redaktion,
29.02.2024

PHI­NEO sprach mit dem Cor­rec­tiv-Publisher David Schra­ven über Rele­vanz und För­der­be­dar­fe des gemein­nüt­zi­gen Jour­na­lis­mus und dar­über, war­um Demo­kra­tie immer bei einem selbst beginnt. 

Wie geht es dir und der Cor­rec­tiv-Redak­ti­on nach den Recher­chen zum Geheim­plan gegen Deutschland”? 

Sehr gut! Wir haben über­durch­schnitt­lich viel Stress, und wir bekom­men eine gan­ze Men­ge Angrif­fe in Form von Belei­di­gun­gen, klas­si­sches Har­rass­ment eben. Aber ins­ge­samt sind wir sehr posi­tiv! Men­schen begrei­fen, dass Demo­kra­tie nicht gott­ge­ge­ben vom Him­mel fällt, son­dern dass Demo­kra­tie etwas ist, dass wir die gan­ze Zeit for­men und mit Leben fül­len müs­sen. Und genau das pas­siert! Men­schen um mich her­um orga­ni­sie­ren sich, nicht mehr nur in den Metro­po­len, son­dern auch in Städ­ten wie Bot­trop, wo ich her­kom­me. Es ist ermu­ti­gend, wenn Men­schen zum ers­ten Mal sagen: Wir müs­sen uns für unse­re Gesell­schaft ein­set­zen! Das stimmt mich sehr opti­mis­tisch. Die Rechts­ra­di­ka­len wer­den unser Land nicht kriegen.

Wel­che Ein­schüch­te­rungs­ver­su­che gab es und wie geht ihr mit die­sen um?

Ach, Nazis machen Nazi­sa­chen, das ist nicht über­ra­schend. Punk­tu­ell müs­sen wir natür­lich auf­pas­sen. Etwa, wie wir Ver­an­stal­tun­gen orga­ni­sie­ren und wie wir für bestimm­te Per­so­nen wer­ben. Aber wir haben da über die Jah­re viel Erfah­rung gesam­melt. Auch, weil Kol­le­gen wie Can Dündar bei uns arbei­ten. Can Dündar ist ein bekann­ter tür­ki­scher Jour­na­list, des­sen Leben von einem Dik­ta­tor mit­samt Staats­ap­pa­rat bedroht wird. Von sol­chen Kol­le­gen ler­nen wir viel.

Ivo Mayr | Correctiv

David Schra­ven

… ist Grün­der von COR­REC­TIV und lei­tet das Recher­che­zen­trum als Publisher. Zuvor schrieb er für die taz, die Süd­deut­sche und war Mit­grün­der der Ruhr­ba­ro­ne. Schra­ven wur­de für sei­ne Recher­chen viel­fach aus­ge­zeich­net.
(Foto: Ivo Mayr | Correctiv)

Gab es in den letz­ten Wochen eine stär­ke­re finan­zi­el­le Unterstützung?

Ein­zel­spen­den haben sich sehr gut ent­wi­ckelt, wir haben viel Unter­stüt­zung bekommen!

Hier kommt eine Beson­der­heit des gemein­nüt­zi­gen Jour­na­lis­mus zum Tra­gen, weil des­sen Wir­kungs­lo­gik eine ande­re ist als die des nor­ma­len” Jour­na­lis­mus. Im nor­ma­len” Jour­na­lis­mus mache ich eine Geschich­te, die ich mög­lichst breit ver­kau­fen kann. Und mit dem Geld, dass ich dadurch ver­die­ne, finan­zie­re ich die nächs­te gro­ße Geschich­te. Wel­che Art von Geschich­te ich ver­brei­te ist zweit­ran­gig, ent­schei­dend ist der Pro­mi-Fak­tor. Des­we­gen inves­tie­ren Medi­en­häu­ser viel in Bericht­erstat­tung über die Bun­des­po­li­tik, und des­we­gen sit­zen in Talk­shows immer die­sel­ben gesichts­be­kann­ten Prominenten.

Die Logik unse­rer Redak­ti­on ist eine ande­re. Sie ori­en­tiert sich an der Fra­ge: Was ist die rele­van­te Geschich­te? Rele­van­te Geschich­ten sind ganz nah beim Men­schen. Und sie spie­len häu­fig nicht in Metro­po­len, son­dern in kaput­ten Städ­ten, in Käf­fern, auf dem Land. An Orten, die nicht glän­zen und die kei­nen Gla­mour ver­brei­ten. In sol­chen Fäl­len ist es uns egal, ob wir Reich­wei­te haben. Wir machen die Arbeit, weil sie wich­tig ist. Sol­che rele­van­ten Geschich­ten kön­nen sich zum Bei­spiel um die Bar­rie­re­frei­heit in Sach­sen-Anhalt dre­hen oder dar­um, ob eine Oma auf dem Dorf von A nach B kommt. Und wenn Men­schen die­se Arbeit rele­vant fin­den, spen­den sie an uns. Sie möch­ten, dass wir die­se Recher­chen machen.

Und dann gibt es die sel­te­nen Momen­te, wo bei­des zusam­men­fällt, wo man eine rele­van­te Geschich­te hat, und eine Geschich­te, die jeden betrifft, egal ob in der Stadt oder im Dorf. Das ist in die­sem Fall pas­siert. Da spen­den dann vie­le Leute.

Begeg­nen euch Förder*innen wie zum Bei­spiel Stif­tun­gen jetzt offener?

Die Ent­wick­lung ist sehr lang­sam; aber das ist bei Stif­tun­gen nor­mal. Wir haben vie­le Bezie­hun­gen über lan­ge Zeit auf­ge­baut, daher erle­ben wir dort auch viel Unter­stüt­zung. Aber ich hof­fe, dass Stif­tun­gen nun sehen, dass wir Geld brau­chen, um gute Arbeit zu machen. Es gibt sehr viel zu tun. Und wir haben gera­de bewie­sen, dass wir mit unse­rer Arbeit ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum errei­chen und etwas bewir­ken kön­nen. Und um das zu ver­ste­ti­gen, brau­chen wir Kraft.

    Sind sol­che Inves­ti­ga­tiv­re­cher­chen nur durch unab­hän­gi­ge jour­na­lis­ti­sche Insti­tu­tio­nen wie eure möglich?

    Ja. Ich glau­be, dass unse­re Geschich­te in kei­nem ande­ren Medi­um in Deutsch­land funk­tio­niert hät­te. Ich glau­be auch nicht, dass ein ande­res Medi­um die­se Geschich­te gebracht hät­te. Denn ein klas­si­sches Medi­en­haus bekommt Pro­ble­me bei einer sol­chen Geschich­te, weil die­se Art von Recher­chen ein hohes Risi­ko bedeuten.

    Kannst du das erläutern?

    Ers­tens haben uns Pres­se­rechts­an­wäl­te gesagt, dass wir die Namen und die Gesich­ter der am Geheim­tref­fen betei­lig­ten Per­so­nen nicht nen­nen bzw. zei­gen soll­ten. Unse­re eige­ne Rechts­be­wer­tung war eine ande­re, dass wir Namen und Fotos der Betei­lig­ten durch­aus nen­nen und zei­gen kön­nen, weil die Per­so­nen nicht in ihrer Pri­vat­sphä­re unter­wegs waren, son­dern sich in einer Sozi­al­sphä­re befan­den, die uns mehr Spiel­raum ermög­licht. Jede Redak­ti­on, die ich ken­ne, hät­te an die­ser Stel­le gesagt: Das ist uns zu ris­kant, wir machen das nicht, wir gehen den siche­ren Weg. Dann wäre die Geschich­te nicht erschie­nen, und du hät­test kei­nen Impact gehabt. Kei­ne Fotos, kei­ne Namen.

    Zwei­tens, der Umgang mit Quel­len. Jedes ande­re Medi­um hät­te gesagt: Wenn wir so nah ran­ge­hen, kön­nen wir unse­re Quel­len nicht mehr schüt­zen und wir machen uns angreif­bar, also berich­ten wir aus der Ent­fer­nung. Dann wäre die Geschich­te gewe­sen: Irgend­wel­che Nazis sit­zen in irgend­ei­nem Hotel und reden über irgend­was. Das wäre aber eben kei­ne Sto­ry gewor­den. Nichts wäre pas­siert. Erst durch kon­kre­te Namen und Fotos und Inhal­te wur­de die Recher­che groß. Ich glau­be nicht, dass eine ande­re Redak­ti­on bereit gewe­sen wäre, die­ses Risi­ko einzugehen.

    Wel­che Unter­stüt­zung braucht es, um sol­che inves­ti­ga­ti­ven Struk­tu­ren zu stärken?

    Das Wich­tigs­te ist, dass es die Geset­zes­än­de­rung gibt. Wir brau­chen unbe­dingt den gemein­nüt­zi­gen Jour­na­lis­mus in der Abga­ben­ord­nung! Damit wir uns nicht miss­ver­ste­hen: Wir als Cor­rec­tiv brau­chen die Geset­zes­än­de­rung nicht, wir sind rechts­si­cher auf­ge­stellt, wir haben alles. Aber wir brau­chen im loka­len Raum mehr jour­na­lis­ti­sche Initia­ti­ven. Wir brau­chen sie an Orten, an denen klas­si­sche Medi­en die demo­kra­ti­sche Beob­ach­tung der Poli­tik nicht mehr erbrin­gen kön­nen. Die Kon­se­quen­zen die­ser Aus­las­sung sind ver­hee­rend: Es gibt weni­ger öffent­li­che Betei­li­gung, weni­ger Men­schen, die sich ehren­amt­lich enga­gie­ren, es gibt eine gerin­ge­re Wahl­be­tei­li­gung, zugleich stei­gen Miss­wirt­schaft und Kor­rup­ti­on. Das ist wis­sen­schaft­lich erwiesen.

    Was soll­ten Stif­tun­gen unbe­dingt stär­ker fördern?

    Drei Din­ge. Ers­tens, sie soll­ten eine umfas­sen­de Grün­dungs­för­de­rung ermög­li­chen. Es ist nicht getan, nur Geld zu geben, son­dern man muss auch den Geschäfts- und Unter­neh­mer­sinn stär­ken. Zwei­tens, eine Kern­fi­nan­zie­rung, also die Unter­stüt­zung der jour­na­lis­ti­schen Arbeit samt ihrer Struk­tu­ren. Drit­tens, die För­de­rung kol­la­bo­ra­ti­ver Werk­zeu­ge, also von Werk­zeu­gen, die ein gemein­sa­mes Arbei­ten ermöglichen.

    Wel­cher Hebel ist auf insti­tu­tio­nel­ler Sei­te ent­schei­dend, wenn es dar­um geht, demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren zu stärken?

    Ein Lokal­jour­na­list sag­te mir mal: All busi­ness is local. So sehe ich das auch. Demo­kra­tie ist nicht irgend­wo, sie ist immer bei mir, beim Bür­ger. Demo­kra­tie ist, wenn ich mit­re­den und mit­ent­schei­den darf, wel­chen Namen mei­ne Stra­ße trägt, in der ich lebe, oder wie mei­ne Stadt aus­se­hen soll, wel­che Jugend­pro­jek­te es gibt und ob mei­ne Schu­le reno­viert wird. Für mich ist daher der sprin­gen­de Punkt, ob die demo­kra­ti­sche Bewe­gung es schafft, sich auf loka­ler Ebe­ne zu enga­gie­ren. Sonst bricht auf Jah­re gese­hen, hier unser Sys­tem auseinander.

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      Florian Hinze

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