Im Gespräch mit Jut­ta Rump

Kom­mu­nal­po­li­tik: Ein Ange­bot ohne Nach­fra­ge. Wor­an liegt das?

Vie­le Kom­mu­nen ste­hen vor dem glei­chen Pro­blem: Es wird immer schwe­rer, Men­schen für kom­mu­nal­po­li­ti­sches Enga­ge­ment zu gewin­nen. Wahl­lis­ten blei­ben unvoll­stän­dig, Man­da­te wer­den mehr­fach besetzt, jun­ge Men­schen feh­len oft ganz. Das ist mehr als ein Nach­wuchs­pro­blem ein­zel­ner Par­tei­en. Es berührt die Fra­ge, wie leben­dig kom­mu­na­le Demo­kra­tie in Zukunft sein kann: Wer gestal­tet die Ent­schei­dun­gen vor Ort? Wer bringt neue Per­spek­ti­ven ein? Und was müss­te sich ändern, damit mehr Men­schen sagen: Ja, dafür set­ze ich mei­ne Zeit ein?

Die­se Fra­gen bil­den den ers­ten The­men­schwer­punkt unse­rer Inno­va­ti­ons­werk­statt Demo­kra­tie. Im Aus­tausch mit Wis­sen­schaft, Ver­wal­tung, Poli­tik und Zivil­ge­sell­schaft suchen wir nach Wegen, wie kom­mu­na­le Demo­kra­tie resi­li­en­ter, attrak­ti­ver und zukunfts­fä­hi­ger wer­den kann. Eine beson­ders auf­schluss­rei­che Per­spek­ti­ve hat sich im Gespräch mit Pro­fes­so­rin Dr. Jut­ta Rump eröff­net: Als Exper­tin für Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se, Per­so­nal­ma­nage­ment und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung blickt sie auf Kom­mu­nal­po­li­tik wie auf einen Arbeits- und Orga­ni­sa­ti­ons­pro­zess – und benennt dabei eini­ge unbe­que­me Wahrheiten.

Über Jut­ta Rump

Prof. Dr. Jut­ta Rump ist eine der renom­mier­tes­ten Arbeits­markt­ex­per­tin­nen Deutsch­lands. Sie lei­tet das Insti­tut für Beschäf­ti­gung und Employa­bi­li­ty IBE, ist Pro­fes­so­rin an der HWG Lud­wigs­ha­fen und zählt laut Per­so­nal­ma­ga­zin” zu den Top HR-Köp­fen. Ihre Schwer­punk­te: Zukunft der Arbeit, Trans­for­ma­ti­on und New Work.

Das Ange­bot ist nicht attrak­tiv genug.”

Für Jut­ta Rump beginnt das Pro­blem mit einer ein­fa­chen Beob­ach­tung: Men­schen wägen heu­te sehr genau ab, wofür sie ihre Zeit ein­set­zen. Wenn ich ein Ange­bot habe, aber kei­ne Nach­fra­ge, dann ist das Ange­bot gewöhn­li­cher­wei­se für die­je­ni­gen, die nach­fra­gen sol­len, nicht attrak­tiv genug.“ Gera­de in der Kom­mu­nal­po­li­tik gehe es oft um ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment – also um Zeit, die Men­schen zusätz­lich zu Beruf, Fami­lie und All­tag inves­tie­ren. Und die­se Zeit wol­len vie­le nicht in einem Umfeld ver­brin­gen, das sie als zer­mür­bend erle­ben: Die Umgangs-Kul­tur mit­ein­an­der ist nicht unbe­dingt eine har­mo­ni­sche. Es ist auch nicht immer nur ein fach­lich geführ­ter Dis­kurs­pro­zess, son­dern ger­ne mal ein per­sön­li­cher. Und wenn ich das dann in mei­ner Frei­zeit machen soll – dann über­le­ge ich mir das. Erst recht, wenn ich Alter­na­ti­ven habe. Das führt dazu, dass Men­schen eben nicht in die Kom­mu­nal­po­li­tik gehen – ins­be­son­de­re jun­ge Men­schen nicht.“

Hin­zu kom­me, dass poli­ti­sche Pro­zes­se oft lang­wie­rig, kon­flikt­ge­la­den und wenig trans­pa­rent sei­en. Ent­schei­dun­gen wür­den ver­schleppt oder wie­der zurück­ge­nom­men, Aus­hand­lungs­pro­zes­se wir­ken ermü­dend statt gestalt­bar. Für vie­le Men­schen gehe dabei etwas ver­lo­ren, das gera­de im Ehren­amt zen­tral sei: das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

Kom­mu­nal­po­li­tik braucht Professionalität.

Jut­ta Rump beschreibt Kom­mu­nal­po­li­tik als Bereich mit hohen emo­tio­na­len und per­sön­li­chen Anfor­de­run­gen. Wer sich enga­gie­re, brau­che eine hohe Wider­stands­fä­hig­keit und viel Geduld. Gleich­zei­tig feh­le es vie­ler­orts an pro­fes­sio­nel­len Struk­tu­ren: Attrak­ti­vi­tät stei­gert man dadurch, dass man eine gewis­se Pro­fes­sio­na­li­tät hat. Und zwar in Bezug auf die vor­han­de­nen Pro­zes­se, aber auch auf die Art und Wei­se, wie wir zusam­men­ar­bei­ten. Und Kom­mu­nal­po­li­tik ist vor allen Din­gen eines: Zusammenarbeit.“

Es braucht also nicht mehr Büro­kra­tie, son­dern kla­re­re Pro­zes­se, ver­läss­li­che Abläu­fe und eine bewuss­te Gestal­tung der Zusam­men­ar­beit. Bürgermeister:innen und kom­mu­na­le Füh­rungs­kräf­te müss­ten hier von Anfang an kla­re Leit­li­ni­en im Umgang mit­ein­an­der defi­nie­ren und ver­bind­lich durchsetzen.

Blei­ben Sie informiert!

Möch­ten Sie mehr über die Inno­va­ti­ons­werk­statt erfah­ren und regel­mä­ßig Updates erhal­ten? Dann mel­den Sie sich für unse­ren PHI­NEO Public News­let­ter an!

Hier geh­t’s zur Newsletteranmeldung.

Wo geht’s denn hier zur Kommunalpolitik?

Ein zen­tra­ler Gedan­ke des Gesprächs mit Jut­ta Rump: Für vie­le Men­schen ist völ­lig unklar, wie der Weg in die Kom­mu­nal­po­li­tik über­haupt aus­sieht. Wäh­rend Unter­neh­men Recrui­ting-Pro­zes­se, Kar­rie­re­schrit­te und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten sicht­bar machen, feh­le genau das in der Kom­mu­nal­po­li­tik häufig.

Men­schen, gera­de auch jun­ge Men­schen, wol­len heu­te wis­sen, auf was sie sich ein­las­sen und wel­che Schrit­te zu gehen sind.“ Jut­ta Rump plä­diert des­halb für kla­re­re Wege in die Kom­mu­nal­po­li­tik – mit Ori­en­tie­rung, Beglei­tung und kon­kre­ten Erfahrungen.

Sie spricht sogar von einer Art Aus­bil­dung: Inter­es­sier­te könn­ten Kom­mu­nal­po­li­tik ken­nen­ler­nen, indem sie Sit­zun­gen beglei­ten, mit Politiker*innen dis­ku­tie­ren oder Wahl­kämp­fe mit­er­le­ben. Schritt für Schritt ent­ste­he so ein rea­lis­ti­sches Bild davon, was es heißt, poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung vor Ort zu tra­gen. Beson­ders wich­tig sei dabei auch der Blick in die Verwaltung.

Demo­kra­tie braucht fach­li­ches und mensch­li­ches Verständnis.

Poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen ent­ste­hen nicht im luft­lee­ren Raum. Wer Poli­tik gestal­ten wol­le, müs­se ver­ste­hen, was Ent­schei­dun­gen in Ver­wal­tun­gen tat­säch­lich aus­lö­sen – wel­che Kon­se­quen­zen bei­spiels­wei­se eine Ent­schei­dung im Kom­mu­nal­rat hat. Jut­ta Rump schlägt dazu Hos­pi­ta­tio­nen in Ämtern und Ver­wal­tun­gen vor: im Jugend­amt, Bür­ger­bü­ro oder Sozi­al­amt. Nicht nur als Pflicht­übung, son­dern als Grund­la­ge für bes­se­re poli­ti­sche Entscheidungen.

Wenn man weiß, wie dort gear­bei­tet wird, dann ist das Agie­ren in den Räten in der Regel weni­ger kon­flik­tär.“ Wo hin­ge­gen Ver­ständ­nis für Abläu­fe und Gren­zen feh­le, wür­den Dis­kus­sio­nen schnell ideo­lo­gisch. Sach­li­che Debat­ten bräuch­ten Wis­sen, Erfah­rung und gegen­sei­ti­ges Verständnis.

Wie anfan­gen? Vor allem jetzt!

Jut­ta Rump macht deut­lich: Wenn Men­schen sich nicht enga­gie­ren, soll­ten wir nicht nur auf die Men­schen schau­en, son­dern auch auf das Ange­bot. Wir soll­ten uns fra­gen, wie wir Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen kön­nen, die sie dazu bewe­gen, zu blei­ben. Ziel muss sein, dass Men­schen die Zusam­men­ar­beit als kon­struk­tiv erle­ben und das Gefühl haben, etwas bewir­ken zu können.

Dafür braucht es Pro­fes­sio­na­li­tät, kla­re Wege ins Enga­ge­ment, gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis zwi­schen Poli­tik und Ver­wal­tung – und den Mut, Bestehen­des zu hin­ter­fra­gen. Bis zu den nächs­ten Kom­mu­nal­wah­len bleibt weni­ger Zeit, als es scheint. Oder, wie Jut­ta Rump es for­mu­liert: Jetzt anfan­gen. Jeder Tag zählt!“