Interview mit Alexander Neumann, Mokka Milch
„Ein wesentlicher Faktor ist das kurzfristige Denken“: Ernährung und die Logik unseres Wirtschaftssystems
Wie lässt sich ein Ernährungssystem gestalten, das Gesundheit, Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Realität zusammenbringt? Im Interview spricht der Unternehmer Alexander Neumann über den Stellenwert von Ernährung, die Folgen kurzfristigen Denkens sowie die Rolle von Innovation und Kommunikation.
Alexander Neumann ist Unternehmer und betreibt mit seiner Frau Natacha das Mokka Milch in Berlin – einen Ort für Begegnung und Austausch. Das Ehepaar hat unter anderem die Bio-Kindersnackmarke Freche Freunde auf den Markt gebracht. Zuvor war Alexander Neumann mehrere Jahre für Nestlé tätig.
Alexander, was muss sich an unserem Ernährungssystem grundlegend ändern?
Wir müssen verstehen, dass Ernährung einen echten Wert und großen Einfluss auf unsere Gesundheit hat. Das Schwierige ist, dass die Folgen oft erst viele Jahre später sichtbar werden. Deshalb braucht es ein neues Bewusstsein – nicht für künstliche Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel, sondern für gutes, einfaches Essen. Am Ende kommt es darauf an, was und wie viel man isst.
Gleichzeitig müssen wir die gesamte Wertschöpfungskette stärker in den Blick nehmen. Gute Lebensmittel dürfen etwas kosten, weil viele Menschen entlang der Produktionskette davon leben und Umweltkosten bislang nicht fair eingepreist sind.
Insgesamt braucht es ein stärkeres Bewusstsein für die langfristigen Auswirkungen unseres Handelns, bei Verbraucher*innen, Hersteller*innen und im Handel.
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Wie kann eine faire Einpreisung von Lebensmitteln funktionieren – auch mit Blick auf soziale Gerechtigkeit?
Im Kern ist es eine Frage der Prioritäten. Gerade in der Mittel- und oberen Mittelschicht gäbe es durchaus Spielräume. Man könnte stärker darauf achten, wofür Geld ausgegeben wird, etwa eher für gute Lebensmittel als für Statusprodukte.
Gleichzeitig gibt es Menschen, für die höhere Preise tatsächlich ein Problem sind. Hier braucht es Ausgleichsmechanismen. Ein Ansatz könnte sein, Ernährung stärker präventiv zu denken. Derzeit fließt viel Geld in die Behandlung von Krankheiten und vergleichsweise wenig in Prävention.
Wenn man früher ansetzen würde, ließe sich ein Teil der hohen Folgekosten für Krankheiten wie Diabetes oder Adipositas vermeiden. Die dadurch freiwerdenden Mittel könnten genutzt werden, um Menschen zu unterstützen, die sich die tatsächlichen Kosten guter Lebensmittel nicht leisten können.
Das ist komplex und nicht einfach zu lösen. Aber grundsätzlich zeigt sich: Geld ist im System vorhanden. Die Frage ist, wie wir es einsetzen.
Die aktuelle Entwicklung ist nicht das Ergebnis einzelner Akteure, sondern einer Logik, die sich über lange Zeit etabliert hat.
Alexander Neumann
Was braucht es, damit sich das Ernährungsverhalten tatsächlich ändert?
Ich glaube, wir brauchen eine andere Erzählweise, wenn wir über Ernährung sprechen. Die meisten Menschen wollen gesund leben und das Beste für ihre Familie. Wenn jedoch das Gefühl entsteht, dass ihnen etwas vorgeschrieben wird, führt das schnell zu Widerstand.
Deshalb geht es aus meiner Sicht weniger um das „Ob“ als um das „Wie“. Es gibt bereits viele gute Ansätze, etwa für bessere Böden oder andere Preissysteme. Entscheidend ist, wie Menschen angesprochen werden.
Welche Rolle können pflanzliche Alternativen dabei spielen?
Viele Alternativen sind geschmacklich noch nicht überzeugend oder zu teuer. Deshalb geht es nicht nur um Kommunikation, sondern auch darum, die Produkte selbst besser zu machen.
Bei pflanzlichen Ersatzprodukten sehe ich manche Entwicklungen kritisch. Ich halte es nicht für notwendig, Fleisch möglichst exakt nachzubauen. Sinnvoller wäre es, pflanzliche Ernährung eigenständig attraktiv zu machen – etwa durch Gerichte wie Falafel oder andere weniger stark verarbeitete Lebensmittel.
Was sind aus deiner Sicht die grundlegenden Ursachen für die aktuelle Situation?
Ich glaube, es handelt sich vor allem um eine Eigendynamik des Systems. Die aktuelle Entwicklung ist nicht das Ergebnis einzelner Akteure, die bewusst schädlich handeln, sondern einer Logik, die sich über lange Zeit etabliert hat.
Ein wesentlicher Faktor ist das kurzfristige Denken, das in unserer Wirtschaft verankert ist. Viele Unternehmen stehen unter Druck, regelmäßig Wachstum und Gewinne zu erzielen. Dieser Druck setzt sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette fort, von der Landwirtschaft über die Verarbeitung bis zum Einzelhandel. Dadurch entsteht der Anreiz, immer schneller und günstiger zu produzieren.
Die Folge ist, dass häufiger auf günstige Zutaten und stark verarbeitete Rohstoffe zurückgegriffen wird. Auch in der Landwirtschaft zeigt sich dieser Druck, etwa durch Monokulturen, die kurzfristig wirtschaftlich effizient sind.
Ich sehe deshalb einen Zusammenhang mit der Art und Weise, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Ohne den Kapitalismus grundsätzlich infrage zu stellen, lässt sich feststellen, dass seine starke Ausrichtung auf Wachstum und Effizienz dazu beigetragen hat, dass schnelles und günstiges Essen zum Leitbild geworden ist. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern weltweit.
Die zentrale Frage lautet: Wie kann man den bestehenden Wachstumsdruck reduzieren, ohne die grundlegenden Funktionen des Systems zu gefährden?
Alexander Neumann
Warum ist es so schwer, das Ernährungssystem grundlegend zu verändern?
Die zentrale Frage lautet: Wie kann man den bestehenden Wachstumsdruck reduzieren, ohne die grundlegenden Funktionen des Systems zu gefährden?
Dieser Druck zieht sich durch die gesamte Wertschöpfungskette – von großen Unternehmen bis in die Landwirtschaft. Deshalb ist es so schwierig, eine Wirtschaftsweise zu entwickeln, die weniger stark auf kurzfristiges Wachstum ausgerichtet ist.
Es gibt bereits vielversprechende Ansätze, etwa in der Landwirtschaft oder bei ressourcenschonenden Technologien. Ob sie ausreichen, um das System grundlegend zu verändern, ist für mich allerdings offen.
Welche Akteure treiben aktuell positive Entwicklungen voran?
Hoffnung machen mir vor allem Startups, die neue Lösungen entwickeln und Technologien aus anderen Bereichen für Ernährung und Nachhaltigkeit nutzbar machen. Dazu gehören beispielsweise Drohnen, Sensorik oder KI-Anwendungen in der Landwirtschaft. Entscheidend ist dabei auch der Kapitalmarkt, denn er beeinflusst, welche Innovationen finanziert und weiterentwickelt werden.
Wichtig finde ich außerdem die Rolle der jungen Generation. Durch den leichteren Zugang zu Informationen hinterfragen viele Menschen ihre Konsumentscheidungen stärker als früher.
Im Ernährungsbereich haben aus meiner Sicht auch viele Bio-Pionier*innen einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie haben dazu beigetragen, dass Bio-Produkte im Mainstream angekommen sind und heute selbstverständlich in den Sortimenten großer Händler zu finden sind.
Daneben gibt es zahlreiche technologische Ansätze – von präziseren Bewässerungssystemen bis hin zu Pflanzenkohle, die CO₂ im Boden bindet und gleichzeitig die Wasserspeicherfähigkeit von Böden verbessert. Solche Lösungen verbinden ökologische Vorteile mit konkretem Nutzen für die Landwirtschaft.
Die meisten Menschen wollen gesunde Lebensbedingungen, sauberes Wasser und sichere Nahrung. Es geht darum, dafür den richtigen Zugang zu finden.
Alexander Neumann
Was braucht es, damit diese positiven Entwicklungen tatsächlich Wirkung entfalten?
Ein wichtiger Punkt ist die Kommunikation. Akteure, die problematische Produkte oder Verhaltensweisen fördern, sind häufig sehr stark im Marketing. Nachhaltige Lösungen sind dagegen oft komplexer und schwerer zu vermitteln.
Die Herausforderung besteht darin, auch komplexe Zusammenhänge verständlich und emotional zu erklären. Denn im Kern wollen die meisten Menschen gesunde Lebensbedingungen, sauberes Wasser und sichere Nahrung. Es geht darum, dafür den richtigen Zugang zu finden.
Gleichzeitig spielt Verhaltenspsychologie eine wichtige Rolle. Einstellungen und Gewohnheiten verändern sich oft erst ab bestimmten Kipppunkten. Die entscheidende Frage ist deshalb, wie sich solche Veränderungen auch ohne akuten Krisendruck anstoßen lassen.
Wo siehst du den größten Bedarf für Forschung und Innovation?
Das Thema Wasser halte ich für besonders relevant. Aus meiner Sicht wird noch zu wenig in Lösungen investiert, obwohl Wasser eine knappe Ressource ist und künftig noch wichtiger werden wird. Innovationen bei Wassergewinnung, ‑speicherung und ‑verteilung könnten deshalb eine entscheidende Rolle spielen.
Wie sieht für dich eine zukunftsfähige Ernährungsumgebung aus?
Ernährung hat in dieser Zukunft einen höheren Stellenwert. Menschen verstehen, welchen Einfluss sie auf Gesundheit und Lebensqualität hat. Das zeigt sich in einer ausgewogenen Ernährung, weniger Verschwendung und mehr Bewusstsein für Herkunft.
Gleichzeitig gibt es eine Balance zwischen lokaler Landwirtschaft und technologischen Innovationen. Diese Ansätze werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern sinnvoll miteinander verbunden.
Vielen Dank für das Gespräch!