Inter­view mit Alex­an­der Neu­mann, Mok­ka Milch

Ein wesent­li­cher Fak­tor ist das kurz­fris­ti­ge Den­ken“: Ernäh­rung und die Logik unse­res Wirtschaftssystems

PHINEO-Redaktion,
07.09.2026

Wie lässt sich ein Ernäh­rungs­sys­tem gestal­ten, das Gesund­heit, Nach­hal­tig­keit und wirt­schaft­li­che Rea­li­tät zusam­men­bringt? Im Inter­view spricht der Unter­neh­mer Alex­an­der Neu­mann über den Stel­len­wert von Ernäh­rung, die Fol­gen kurz­fris­ti­gen Den­kens sowie die Rol­le von Inno­va­ti­on und Kommunikation. 

Alex­an­der Neu­mann ist Unter­neh­mer und betreibt mit sei­ner Frau Nat­acha das Mok­ka Milch in Ber­lin – einen Ort für Begeg­nung und Aus­tausch. Das Ehe­paar hat unter ande­rem die Bio-Kin­ders­nack­mar­ke Fre­che Freun­de auf den Markt gebracht. Zuvor war Alex­an­der Neu­mann meh­re­re Jah­re für Nest­lé tätig. 

Alex­an­der, was muss sich an unse­rem Ernäh­rungs­sys­tem grund­le­gend ändern? 

Wir müs­sen ver­ste­hen, dass Ernäh­rung einen ech­ten Wert und gro­ßen Ein­fluss auf unse­re Gesund­heit hat. Das Schwie­ri­ge ist, dass die Fol­gen oft erst vie­le Jah­re spä­ter sicht­bar wer­den. Des­halb braucht es ein neu­es Bewusst­sein – nicht für künst­li­che Pro­duk­te oder Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel, son­dern für gutes, ein­fa­ches Essen. Am Ende kommt es dar­auf an, was und wie viel man isst. 

Gleich­zei­tig müs­sen wir die gesam­te Wert­schöp­fungs­ket­te stär­ker in den Blick neh­men. Gute Lebens­mit­tel dür­fen etwas kos­ten, weil vie­le Men­schen ent­lang der Pro­duk­ti­ons­ket­te davon leben und Umwelt­kos­ten bis­lang nicht fair ein­ge­preist sind. 

Ins­ge­samt braucht es ein stär­ke­res Bewusst­sein für die lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen unse­res Han­delns, bei Verbraucher*innen, Hersteller*innen und im Handel. 

Wie kann eine fai­re Ein­prei­sung von Lebens­mit­teln funk­tio­nie­ren – auch mit Blick auf sozia­le Gerech­tig­keit? 

Im Kern ist es eine Fra­ge der Prio­ri­tä­ten. Gera­de in der Mit­tel- und obe­ren Mit­tel­schicht gäbe es durch­aus Spiel­räu­me. Man könn­te stär­ker dar­auf ach­ten, wofür Geld aus­ge­ge­ben wird, etwa eher für gute Lebens­mit­tel als für Statusprodukte. 

Gleich­zei­tig gibt es Men­schen, für die höhe­re Prei­se tat­säch­lich ein Pro­blem sind. Hier braucht es Aus­gleichs­me­cha­nis­men. Ein Ansatz könn­te sein, Ernäh­rung stär­ker prä­ven­tiv zu den­ken. Der­zeit fließt viel Geld in die Behand­lung von Krank­hei­ten und ver­gleichs­wei­se wenig in Prävention. 

Wenn man frü­her anset­zen wür­de, lie­ße sich ein Teil der hohen Fol­ge­kos­ten für Krank­hei­ten wie Dia­be­tes oder Adi­po­si­tas ver­mei­den. Die dadurch frei­wer­den­den Mit­tel könn­ten genutzt wer­den, um Men­schen zu unter­stüt­zen, die sich die tat­säch­li­chen Kos­ten guter Lebens­mit­tel nicht leis­ten können. 

Das ist kom­plex und nicht ein­fach zu lösen. Aber grund­sätz­lich zeigt sich: Geld ist im Sys­tem vor­han­den. Die Fra­ge ist, wie wir es einsetzen. 

Die aktu­el­le Ent­wick­lung ist nicht das Ergeb­nis ein­zel­ner Akteu­re, son­dern einer Logik, die sich über lan­ge Zeit eta­bliert hat.

Alex­an­der Neumann

Was braucht es, damit sich das Ernäh­rungs­ver­hal­ten tat­säch­lich ändert? 

Ich glau­be, wir brau­chen eine ande­re Erzähl­wei­se, wenn wir über Ernäh­rung spre­chen. Die meis­ten Men­schen wol­len gesund leben und das Bes­te für ihre Fami­lie. Wenn jedoch das Gefühl ent­steht, dass ihnen etwas vor­ge­schrie­ben wird, führt das schnell zu Widerstand. 

Des­halb geht es aus mei­ner Sicht weni­ger um das Ob“ als um das Wie“. Es gibt bereits vie­le gute Ansät­ze, etwa für bes­se­re Böden oder ande­re Preis­sys­te­me. Ent­schei­dend ist, wie Men­schen ange­spro­chen werden. 

Wel­che Rol­le kön­nen pflanz­li­che Alter­na­ti­ven dabei spielen? 

Vie­le Alter­na­ti­ven sind geschmack­lich noch nicht über­zeu­gend oder zu teu­er. Des­halb geht es nicht nur um Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern auch dar­um, die Pro­duk­te selbst bes­ser zu machen

Bei pflanz­li­chen Ersatz­pro­duk­ten sehe ich man­che Ent­wick­lun­gen kri­tisch. Ich hal­te es nicht für not­wen­dig, Fleisch mög­lichst exakt nach­zu­bau­en. Sinn­vol­ler wäre es, pflanz­li­che Ernäh­rung eigen­stän­dig attrak­tiv zu machen – etwa durch Gerich­te wie Fal­a­fel oder ande­re weni­ger stark ver­ar­bei­te­te Lebensmittel. 

Was sind aus dei­ner Sicht die grund­le­gen­den Ursa­chen für die aktu­el­le Situation? 

Ich glau­be, es han­delt sich vor allem um eine Eigen­dy­na­mik des Sys­tems. Die aktu­el­le Ent­wick­lung ist nicht das Ergeb­nis ein­zel­ner Akteu­re, die bewusst schäd­lich han­deln, son­dern einer Logik, die sich über lan­ge Zeit eta­bliert hat. 

Ein wesent­li­cher Fak­tor ist das kurz­fris­ti­ge Den­ken, das in unse­rer Wirt­schaft ver­an­kert ist. Vie­le Unter­neh­men ste­hen unter Druck, regel­mä­ßig Wachs­tum und Gewin­ne zu erzie­len. Die­ser Druck setzt sich ent­lang der gesam­ten Wert­schöp­fungs­ket­te fort, von der Land­wirt­schaft über die Ver­ar­bei­tung bis zum Ein­zel­han­del. Dadurch ent­steht der Anreiz, immer schnel­ler und güns­ti­ger zu produzieren. 

Die Fol­ge ist, dass häu­fi­ger auf güns­ti­ge Zuta­ten und stark ver­ar­bei­te­te Roh­stof­fe zurück­ge­grif­fen wird. Auch in der Land­wirt­schaft zeigt sich die­ser Druck, etwa durch Mono­kul­tu­ren, die kurz­fris­tig wirt­schaft­lich effi­zi­ent sind. 

Ich sehe des­halb einen Zusam­men­hang mit der Art und Wei­se, wie unser Wirt­schafts­sys­tem funk­tio­niert. Ohne den Kapi­ta­lis­mus grund­sätz­lich infra­ge zu stel­len, lässt sich fest­stel­len, dass sei­ne star­ke Aus­rich­tung auf Wachs­tum und Effi­zi­enz dazu bei­getra­gen hat, dass schnel­les und güns­ti­ges Essen zum Leit­bild gewor­den ist. Das ist nicht nur in Deutsch­land so, son­dern weltweit.

Die zen­tra­le Fra­ge lau­tet: Wie kann man den bestehen­den Wachs­tums­druck redu­zie­ren, ohne die grund­le­gen­den Funk­tio­nen des Sys­tems zu gefährden?

Alex­an­der Neumann

War­um ist es so schwer, das Ernäh­rungs­sys­tem grund­le­gend zu verändern?

Die zen­tra­le Fra­ge lau­tet: Wie kann man den bestehen­den Wachs­tums­druck redu­zie­ren, ohne die grund­le­gen­den Funk­tio­nen des Sys­tems zu gefährden?

Die­ser Druck zieht sich durch die gesam­te Wert­schöp­fungs­ket­te – von gro­ßen Unter­neh­men bis in die Land­wirt­schaft. Des­halb ist es so schwie­rig, eine Wirt­schafts­wei­se zu ent­wi­ckeln, die weni­ger stark auf kurz­fris­ti­ges Wachs­tum aus­ge­rich­tet ist.

Es gibt bereits viel­ver­spre­chen­de Ansät­ze, etwa in der Land­wirt­schaft oder bei res­sour­cen­scho­nen­den Tech­no­lo­gien. Ob sie aus­rei­chen, um das Sys­tem grund­le­gend zu ver­än­dern, ist für mich aller­dings offen. 

Wel­che Akteu­re trei­ben aktu­ell posi­ti­ve Ent­wick­lun­gen voran? 

Hoff­nung machen mir vor allem Start­ups, die neue Lösun­gen ent­wi­ckeln und Tech­no­lo­gien aus ande­ren Berei­chen für Ernäh­rung und Nach­hal­tig­keit nutz­bar machen. Dazu gehö­ren bei­spiels­wei­se Droh­nen, Sen­so­rik oder KI-Anwen­dun­gen in der Land­wirt­schaft. Ent­schei­dend ist dabei auch der Kapi­tal­markt, denn er beein­flusst, wel­che Inno­va­tio­nen finan­ziert und wei­ter­ent­wi­ckelt werden.

Wich­tig fin­de ich außer­dem die Rol­le der jun­gen Gene­ra­ti­on. Durch den leich­te­ren Zugang zu Infor­ma­tio­nen hin­ter­fra­gen vie­le Men­schen ihre Kon­sum­entschei­dun­gen stär­ker als früher.

Im Ernäh­rungs­be­reich haben aus mei­ner Sicht auch vie­le Bio-Pionier*innen einen wich­ti­gen Bei­trag geleis­tet. Sie haben dazu bei­getra­gen, dass Bio-Pro­duk­te im Main­stream ange­kom­men sind und heu­te selbst­ver­ständ­lich in den Sor­ti­men­ten gro­ßer Händ­ler zu fin­den sind.

Dane­ben gibt es zahl­rei­che tech­no­lo­gi­sche Ansät­ze – von prä­zi­se­ren Bewäs­se­rungs­sys­te­men bis hin zu Pflan­zen­koh­le, die CO₂ im Boden bin­det und gleich­zei­tig die Was­ser­spei­cher­fä­hig­keit von Böden ver­bes­sert. Sol­che Lösun­gen ver­bin­den öko­lo­gi­sche Vor­tei­le mit kon­kre­tem Nut­zen für die Landwirtschaft. 

Die meis­ten Men­schen wol­len gesun­de Lebens­be­din­gun­gen, sau­be­res Was­ser und siche­re Nah­rung. Es geht dar­um, dafür den rich­ti­gen Zugang zu finden.

Alex­an­der Neumann

Was braucht es, damit die­se posi­ti­ven Ent­wick­lun­gen tat­säch­lich Wir­kung entfalten?

Ein wich­ti­ger Punkt ist die Kom­mu­ni­ka­ti­on. Akteu­re, die pro­ble­ma­ti­sche Pro­duk­te oder Ver­hal­tens­wei­sen för­dern, sind häu­fig sehr stark im Mar­ke­ting. Nach­hal­ti­ge Lösun­gen sind dage­gen oft kom­ple­xer und schwe­rer zu vermitteln.

Die Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, auch kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge ver­ständ­lich und emo­tio­nal zu erklä­ren. Denn im Kern wol­len die meis­ten Men­schen gesun­de Lebens­be­din­gun­gen, sau­be­res Was­ser und siche­re Nah­rung. Es geht dar­um, dafür den rich­ti­gen Zugang zu finden.

Gleich­zei­tig spielt Ver­hal­tens­psy­cho­lo­gie eine wich­ti­ge Rol­le. Ein­stel­lun­gen und Gewohn­hei­ten ver­än­dern sich oft erst ab bestimm­ten Kipp­punk­ten. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist des­halb, wie sich sol­che Ver­än­de­run­gen auch ohne aku­ten Kri­sen­druck ansto­ßen lassen.

Wo siehst du den größ­ten Bedarf für For­schung und Innovation?

Das The­ma Was­ser hal­te ich für beson­ders rele­vant. Aus mei­ner Sicht wird noch zu wenig in Lösun­gen inves­tiert, obwohl Was­ser eine knap­pe Res­sour­ce ist und künf­tig noch wich­ti­ger wer­den wird. Inno­va­tio­nen bei Was­ser­ge­win­nung, ‑spei­che­rung und ‑ver­tei­lung könn­ten des­halb eine ent­schei­den­de Rol­le spielen.

Wie sieht für dich eine zukunfts­fä­hi­ge Ernäh­rungs­um­ge­bung aus?

Ernäh­rung hat in die­ser Zukunft einen höhe­ren Stel­len­wert. Men­schen ver­ste­hen, wel­chen Ein­fluss sie auf Gesund­heit und Lebens­qua­li­tät hat. Das zeigt sich in einer aus­ge­wo­ge­nen Ernäh­rung, weni­ger Ver­schwen­dung und mehr Bewusst­sein für Herkunft.

Gleich­zei­tig gibt es eine Balan­ce zwi­schen loka­ler Land­wirt­schaft und tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen. Die­se Ansät­ze wer­den nicht gegen­ein­an­der aus­ge­spielt, son­dern sinn­voll mit­ein­an­der ver­bun­den. 

Vie­len Dank für das Gespräch!