Interview mit Dr. Silke Lichtenstein, Dr. Rainer Wild Stiftung
Gute Ernährung für alle: „Die größte Herausforderung ist nicht das Wissen, sondern das Handeln“
Die Herausforderungen sind bekannt, viele Lösungsansätze ebenfalls. Warum kommt der Wandel unseres Ernährungssystems trotzdem nur langsam voran? Silke Lichtenstein spricht über fehlende Zusammenarbeit, erfolgreiche Beteiligungsformate und die Frage, wie nachhaltige Veränderungen gelingen können.
Dr. Silke Lichtenstein ist Diplom-Ökotrophologin und Betriebswirtin mit Schwerpunkt Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Sie war lange im Bereich Ernährungsumgebungen tätig. Heute ist sie Geschäftsführerin und wissenschaftliche Leiterin der Dr. Rainer Wild Stiftung – der Plattform für Wissenschaft und Multiplikator*innen rund um gesunde Ernährung. (Foto © Johannes Räbel)
Frau Lichtenstein, wie definieren Sie den Begriff Ernährungswende?
Die Ernährungswende ist das Ziel, die Transformation des Ernährungssystems der Weg dorthin. Nicht das Zielbild allein verändert etwas, sondern die konkreten Schritte, die den Wandel möglich machen. Deshalb müssen wir vor allem über die Transformation sprechen.
Welche Paradigmenwechsel braucht es für ein gesundes und nachhaltiges Ernährungssystem?
Ein wichtiger Punkt ist die stärkere Betonung von Prävention und Gesundheitsförderung. Gerade bei der Ernährung sind Vorbeugung, Resilienz und Abschaffung von Ungleichheiten entscheidend – vieles lässt sich später nur begrenzt korrigieren.
Der zweite, wirklich zentrale Paradigmenwechsel betrifft unser Verständnis von Gesundheit. Gesundheit wird heute deutlich umfassender gedacht: als körperliche, psychische, soziale und zunehmend auch planetare Gesundheit. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Gesundheit des Menschen eng mit der von Umwelt, Tieren, Pflanzen und Klima verbunden ist. Das macht das Thema allerdings auch komplex und für viele schwer greifbar.
Ein weiterer Punkt: Eigentlich wissen wir sehr gut, wo es hingehen soll. Die Ernährungswende und die Ziele sind ausreichend definiert. Was jedoch noch fehlt, ist ein Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit. Noch zu oft ziehen wir in unterschiedliche Richtungen, statt unsere Kräfte zu bündeln und gemeinsam zu handeln. Gleichzeitig richten wir den Blick oft stärker auf Defizite als auf vorhandene Potenziale – das, was bereits funktioniert. Es gibt gute Ansätze, an die wir anknüpfen können. Sie sichtbarer zu machen, würde Orientierung schaffen und den Weg in die Umsetzung erleichtern.
Das betrifft eigentlich alle Akteure: Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, NGOs, Medien und die Gesellschaft. Wichtig ist, dass jede und jeder die eigene Rolle und Verantwortung kennt und wahrnimmt. Gleichzeitig sollten wir mit den unterschiedlichen Perspektiven und Aufgaben sachlicher umgehen und Grenzen respektieren, anstatt uns gegenseitig vorzuhalten, wer agieren darf und was zu tun ist. Hier verlieren wir viel Energie und Zeit.
Die größte Bremse ist, dass wir es zu selten schaffen, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und zielgerichtet an der Sache zu arbeiten.
Dr. Silke Lichtenstein
Wo sehen Sie die größten Spannungsfelder oder Interessenskonflikte?
Die größte Bremse ist, dass wir es zu selten schaffen, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und zielgerichtet an der Sache zu arbeiten. Dialogformate gibt es durchaus, und auch die Ernährungswirtschaft sucht den Austausch. Aber am Ende werden Entscheidungen wieder getrennt oder gar gegeneinander getroffen. Das trägt nur zur gesellschaftlichen Polarisierung bei.
Ein weiteres Problem ist die politische Ressortlogik. Ernährung fällt in verschiedene Ministerien, was eine abgestimmte Strategie erschwert. Dadurch geraten wichtige Akteure wie der Handel oder Bildung manchmal aus dem Blick, obwohl sie für unsere Ernährungsumgebungen eine zentrale Rolle spielen. Die Folge sind Maßnahmen, die nicht immer gut ineinandergreifen.
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Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der Ernährungstransformation in Deutschland? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Die Situation ist ambivalent. Einerseits wurden wichtige Fortschritte erzielt – etwa durch die Ernährungsstrategien auf Bundes- und Landesebene. Dass es sie überhaupt gibt, ist ein großer Schritt.
Gleichzeitig erlebe ich aktuell eine starke Lähmung: Es gibt politische Unsicherheiten, eine gesellschaftliche Polarisierung und viele parallele Krisen. Dadurch fehlt es an Zukunftsperspektiven und erst recht an Umsetzung. Dabei ist eigentlich vieles vorhanden, von Wissen über Konzepte bis hin zu Strategien.
Welche Ansätze funktionieren aus Ihrer Sicht besonders gut?
Ein zentraler Erfolgsfaktor für die gesellschaftliche Transformation ist Partizipation. Besonders wirksam sind Formate, die Menschen miteinander ins Gespräch bringen und unterschiedliche Perspektiven auf Augenhöhe zusammenführen. Das gilt etwa für Dialogformate zwischen Landwirtschaft und Verbraucher*innen, aber auch für Bürgerräte.
Wichtig sind außerdem Bildungsformate für alle Gruppen und mit starkem Praxisbezug. Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern stärken die Fähigkeit, das eigene Handeln und darüber persönliche Werte zu reflektieren. Das bewegt Menschen dazu, Veränderungen im Alltag umzusetzen.
Gemeinsam ist all diesen Ansätzen, dass Menschen als aktive Gestaltende eingebunden werden. Das Erleben von Selbstwirksamkeit ist eine wichtige Voraussetzung für Resilienz und für nachhaltige Veränderungen.
Wir müssen das Rad nicht komplett neu erfinden. Vieles, was wir heute als nachhaltig ansehen, war früher selbstverständlich.
Dr. Silke Lichtenstein
Viele sagen, man müsse bei Kindern ansetzen. Wie sehen Sie das?
Das greift zu kurz. Natürlich gehört Ernährung in die Bildung, auch in Schulen. Aber die entscheidenden Kauf- und Essentscheidungen treffen Erwachsene. Vor allem aber haben Kinder ein Recht auf Begleitung und auf gute Vorbilder. Wenn man nur Kinder adressiert, können Loyalitätskonflikte entstehen – wenn in Schule und Elternhaus sehr unterschiedliche Werte vertreten werden. Dass kann Kinder massiv belasten. Deshalb muss Ernährungsbildung adäquat gestaltet werden. Wir müssen alle Altersgruppen erreichen und an den realen Lebenssituationen der Menschen ansetzen.
Woran würden wir erkennen, dass der Wandel unseres Ernährungssystems gelungen ist?
Die Ernährungswende wäre für mich gelungen, wenn weniger Überkonsum stattfindet, pflanzliche Ernährung selbstverständlicher wird und wir uns stärker an nachhaltig produzierten Angeboten orientieren. Transformation bedeutet, die gesamte Wirtschaft neu auszurichten
Dafür müssen wir das Rad nicht komplett neu erfinden. Vieles, was wir heute als nachhaltig ansehen, war früher selbstverständlich. Gleichzeitig geht es nicht um eine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern darum, bewährte Prinzipien mit den Anforderungen einer modernen und sozial gerechteren Gesellschaft zu verbinden und dafür den technischen Fortschritt zu nutzen.
Vielen Dank für das Gespräch!