Inter­view mit Dr. Sil­ke Lich­ten­stein, Dr. Rai­ner Wild Stiftung

Gute Ernäh­rung für alle: Die größ­te Her­aus­for­de­rung ist nicht das Wis­sen, son­dern das Handeln“

PHINEO-Redaktion,
07.09.2026

Die Her­aus­for­de­run­gen sind bekannt, vie­le Lösungs­an­sät­ze eben­falls. War­um kommt der Wan­del unse­res Ernäh­rungs­sys­tems trotz­dem nur lang­sam vor­an? Sil­ke Lich­ten­stein spricht über feh­len­de Zusam­men­ar­beit, erfolg­rei­che Betei­li­gungs­for­ma­te und die Fra­ge, wie nach­hal­ti­ge Ver­än­de­run­gen gelin­gen können.

Dr. Sil­ke Lich­ten­stein ist Diplom-Öko­tropho­lo­gin und Betriebs­wir­tin mit Schwer­punkt Gas­tro­no­mie und Gemein­schafts­ver­pfle­gung. Sie war lan­ge im Bereich Ernäh­rungs­um­ge­bun­gen tätig. Heu­te ist sie Geschäfts­füh­re­rin und wis­sen­schaft­li­che Lei­te­rin der Dr. Rai­ner Wild Stif­tung der Platt­form für Wis­sen­schaft und Multiplikator*innen rund um gesun­de Ernäh­rung.  (Foto © Johan­nes Räbel)

Frau Lich­ten­stein, wie defi­nie­ren Sie den Begriff Ernährungswende?

Die Ernäh­rungs­wen­de ist das Ziel, die Trans­for­ma­ti­on des Ernäh­rungs­sys­tems der Weg dort­hin. Nicht das Ziel­bild allein ver­än­dert etwas, son­dern die kon­kre­ten Schrit­te, die den Wan­del mög­lich machen. Des­halb müs­sen wir vor allem über die Trans­for­ma­ti­on sprechen.

Wel­che Para­dig­men­wech­sel braucht es für ein gesun­des und nach­hal­ti­ges Ernährungssystem?

Ein wich­ti­ger Punkt ist die stär­ke­re Beto­nung von Prä­ven­ti­on und Gesund­heits­för­de­rung. Gera­de bei der Ernäh­rung sind Vor­beu­gung, Resi­li­enz und Abschaf­fung von Ungleich­hei­ten ent­schei­dend – vie­les lässt sich spä­ter nur begrenzt korrigieren.

Der zwei­te, wirk­lich zen­tra­le Para­dig­men­wech­sel betrifft unser Ver­ständ­nis von Gesund­heit. Gesund­heit wird heu­te deut­lich umfas­sen­der gedacht: als kör­per­li­che, psy­chi­sche, sozia­le und zuneh­mend auch pla­ne­ta­re Gesund­heit. Dahin­ter steht die Erkennt­nis, dass die Gesund­heit des Men­schen eng mit der von Umwelt, Tie­ren, Pflan­zen und Kli­ma ver­bun­den ist. Das macht das The­ma aller­dings auch kom­plex und für vie­le schwer greifbar.

Ein wei­te­rer Punkt: Eigent­lich wis­sen wir sehr gut, wo es hin­ge­hen soll. Die Ernäh­rungs­wen­de und die Zie­le sind aus­rei­chend defi­niert. Was jedoch noch fehlt, ist ein Para­dig­men­wech­sel in der Zusam­men­ar­beit. Noch zu oft zie­hen wir in unter­schied­li­che Rich­tun­gen, statt unse­re Kräf­te zu bün­deln und gemein­sam zu han­deln. Gleich­zei­tig rich­ten wir den Blick oft stär­ker auf Defi­zi­te als auf vor­han­de­ne Poten­zia­le – das, was bereits funk­tio­niert. Es gibt gute Ansät­ze, an die wir anknüp­fen kön­nen. Sie sicht­ba­rer zu machen, wür­de Ori­en­tie­rung schaf­fen und den Weg in die Umset­zung erleichtern.

Das betrifft eigent­lich alle Akteu­re: Wis­sen­schaft, Wirt­schaft, Poli­tik, NGOs, Medi­en und die Gesell­schaft. Wich­tig ist, dass jede und jeder die eige­ne Rol­le und Ver­ant­wor­tung kennt und wahr­nimmt. Gleich­zei­tig soll­ten wir mit den unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven und Auf­ga­ben sach­li­cher umge­hen und Gren­zen respek­tie­ren, anstatt uns gegen­sei­tig vor­zu­hal­ten, wer agie­ren darf und was zu tun ist. Hier ver­lie­ren wir viel Ener­gie und Zeit.

Die größ­te Brem­se ist, dass wir es zu sel­ten schaf­fen, gemein­sam an einem Tisch zu sit­zen und ziel­ge­rich­tet an der Sache zu arbeiten.

Dr. Sil­ke Lichtenstein

Wo sehen Sie die größ­ten Span­nungs­fel­der oder Interessenskonflikte? 

Die größ­te Brem­se ist, dass wir es zu sel­ten schaf­fen, gemein­sam an einem Tisch zu sit­zen und ziel­ge­rich­tet an der Sache zu arbei­ten. Dia­log­for­ma­te gibt es durch­aus, und auch die Ernäh­rungs­wirt­schaft sucht den Aus­tausch. Aber am Ende wer­den Ent­schei­dun­gen wie­der getrennt oder gar gegen­ein­an­der getrof­fen. Das trägt nur zur gesell­schaft­li­chen Pola­ri­sie­rung bei.

Ein wei­te­res Pro­blem ist die poli­ti­sche Res­sort­lo­gik. Ernäh­rung fällt in ver­schie­de­ne Minis­te­ri­en, was eine abge­stimm­te Stra­te­gie erschwert. Dadurch gera­ten wich­ti­ge Akteu­re wie der Han­del oder Bil­dung manch­mal aus dem Blick, obwohl sie für unse­re Ernäh­rungs­um­ge­bun­gen eine zen­tra­le Rol­le spie­len. Die Fol­ge sind Maß­nah­men, die nicht immer gut ineinandergreifen.

Wie bewer­ten Sie den aktu­el­len Stand der Ernäh­rungs­trans­for­ma­ti­on in Deutsch­land? Wo sehen Sie die größ­ten Herausforderungen?

Die Situa­ti­on ist ambi­va­lent. Einer­seits wur­den wich­ti­ge Fort­schrit­te erzielt – etwa durch die Ernäh­rungs­stra­te­gien auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne. Dass es sie über­haupt gibt, ist ein gro­ßer Schritt.

Gleich­zei­tig erle­be ich aktu­ell eine star­ke Läh­mung: Es gibt poli­ti­sche Unsi­cher­hei­ten, eine gesell­schaft­li­che Pola­ri­sie­rung und vie­le par­al­le­le Kri­sen. Dadurch fehlt es an Zukunfts­per­spek­ti­ven und erst recht an Umset­zung. Dabei ist eigent­lich vie­les vor­han­den, von Wis­sen über Kon­zep­te bis hin zu Strategien.

Wel­che Ansät­ze funk­tio­nie­ren aus Ihrer Sicht beson­ders gut?

Ein zen­tra­ler Erfolgs­fak­tor für die gesell­schaft­li­che Trans­for­ma­ti­on ist Par­ti­zi­pa­ti­on. Beson­ders wirk­sam sind For­ma­te, die Men­schen mit­ein­an­der ins Gespräch brin­gen und unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven auf Augen­hö­he zusam­men­füh­ren. Das gilt etwa für Dia­log­for­ma­te zwi­schen Land­wirt­schaft und Verbraucher*innen, aber auch für Bürgerräte.

Wich­tig sind außer­dem Bil­dungs­for­ma­te für alle Grup­pen und mit star­kem Pra­xis­be­zug. Sie ver­mit­teln nicht nur Wis­sen, son­dern stär­ken die Fähig­keit, das eige­ne Han­deln und dar­über per­sön­li­che Wer­te zu reflek­tie­ren. Das bewegt Men­schen dazu, Ver­än­de­run­gen im All­tag umzusetzen.

Gemein­sam ist all die­sen Ansät­zen, dass Men­schen als akti­ve Gestal­ten­de ein­ge­bun­den wer­den. Das Erle­ben von Selbst­wirk­sam­keit ist eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für Resi­li­enz und für nach­hal­ti­ge Veränderungen. 

Wir müs­sen das Rad nicht kom­plett neu erfin­den. Vie­les, was wir heu­te als nach­hal­tig anse­hen, war frü­her selbstverständlich.

Dr. Sil­ke Lichtenstein

Vie­le sagen, man müs­se bei Kin­dern anset­zen. Wie sehen Sie das?

Das greift zu kurz. Natür­lich gehört Ernäh­rung in die Bil­dung, auch in Schu­len. Aber die ent­schei­den­den Kauf- und Ess­ent­schei­dun­gen tref­fen Erwach­se­ne. Vor allem aber haben Kin­der ein Recht auf Beglei­tung und auf gute Vor­bil­der. Wenn man nur Kin­der adres­siert, kön­nen Loya­li­täts­kon­flik­te ent­ste­hen – wenn in Schu­le und Eltern­haus sehr unter­schied­li­che Wer­te ver­tre­ten wer­den. Dass kann Kin­der mas­siv belas­ten. Des­halb muss Ernäh­rungs­bil­dung adäquat gestal­tet wer­den. Wir müs­sen alle Alters­grup­pen errei­chen und an den rea­len Lebens­si­tua­tio­nen der Men­schen ansetzen.

Wor­an wür­den wir erken­nen, dass der Wan­del unse­res Ernäh­rungs­sys­tems gelun­gen ist?

Die Ernäh­rungs­wen­de wäre für mich gelun­gen, wenn weni­ger Über­kon­sum statt­fin­det, pflanz­li­che Ernäh­rung selbst­ver­ständ­li­cher wird und wir uns stär­ker an nach­hal­tig pro­du­zier­ten Ange­bo­ten ori­en­tie­ren. Trans­for­ma­ti­on bedeu­tet, die gesam­te Wirt­schaft neu auszurichten 

Dafür müs­sen wir das Rad nicht kom­plett neu erfin­den. Vie­les, was wir heu­te als nach­hal­tig anse­hen, war frü­her selbst­ver­ständ­lich. Gleich­zei­tig geht es nicht um eine Rück­kehr in die Ver­gan­gen­heit, son­dern dar­um, bewähr­te Prin­zi­pi­en mit den Anfor­de­run­gen einer moder­nen und sozi­al gerech­te­ren Gesell­schaft zu ver­bin­den und dafür den tech­ni­schen Fort­schritt zu nutzen.

Vie­len Dank für das Gespräch!