Interview mit Dr. Laura Spengler, Umweltbundesamt
Nachhaltige Ernährung: „Die Akteure in der Mitte der Wertschöpfungskette haben eine enorme Marktmacht“
Warum entwickelt sich unser Ernährungssystems nur langsam in Richtung Nachhaltigkeit? Für Dr. Laura Spengler vom Umweltbundesamt wird die Debatte häufig an den falschen Stellen geführt. Im Interview erklärt sie, warum Verbraucher*innen und Landwirtschaft allein die Veränderungen nicht tragen können, welche Rolle Handel und Lebensmittelindustrie spielen und welche Hebel wirklich zu einer nachhaltigeren Ernährung beitragen können.
Dr. Laura Spengler ist Umweltwissenschaftlerin und arbeitet seit 2019 als Fachgebietsleiterin beim Umweltbundesamt. Dort befasst sie sich unter anderem mit nachhaltigen Konsummustern, Indikatoren für nachhaltigen Konsum, umweltgerechter Produktgestaltung, nachhaltiger Ernährung und Umweltinnovationen.
Frau Spengler, wie schätzen Sie die aktuelle Debatte über Ernährung in Deutschland ein?
Ich habe den Eindruck, dass die Debatte ziemlich festgefahren ist. In den vergangenen Jahren wurde sehr polarisiert diskutiert, oft auch stark emotional. Dadurch sind Fronten entstanden, die sich nicht so leicht wieder auflösen lassen. Man sieht das auch im Vergleich zu anderen Ländern. In den Niederlanden zum Beispiel gibt es politische Zielsetzungen für den Anteil pflanzlicher Proteine. So eine Diskussion wäre in Deutschland in dieser Form im Moment kaum denkbar.
Auffällig ist zudem, dass sich die öffentliche Diskussion sehr stark auf die beiden Enden der Wertschöpfungskette konzentriert: auf die Landwirt*innen und die Verbraucher*innen. Dabei handelt es sich um große, sehr heterogene Gruppen, die aus vielen Einzelakteuren bestehen und deshalb strukturell eher schwach aufgestellt sind. Trotzdem wird häufig erwartet, dass genau sie die notwendigen Veränderungen vorantreiben. Seit Jahrzehnten wird versucht, über verändertes Verbraucher*innenverhalten Fortschritte zu erzielen. Das ist nicht grundsätzlich falsch, reicht aber allein nicht aus.
Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten die Akteure in der Mitte der Wertschöpfungskette – also Handel, Systemgastronomie und Lebensmittelindustrie. Dabei verfügen sie über enorme Marktmacht und haben damit einen großen Einfluss auf das Ernährungssystem. Gemessen an dieser Rolle stehen sie erstaunlich selten im Zentrum der Debatte.
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Gibt es dazu konkrete Untersuchungen?
Ja, wir haben uns den Lebensmitteleinzelhandel in einer Studienreihe genauer angeschaut und systematisch untersucht, was die großen Handelsunternehmen tun: welche Daten sie erheben, wie sie ihre Rolle verstehen und ob sie ihren Einfluss nutzen, um nachhaltigere Entwicklungen im Ernährungssystem voranzubringen.
Dabei ist zu bedenken, dass der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland sehr stark konzentriert ist. Im Grunde sind es vier große Unternehmen mit insgesamt acht Handelsketten, die etwa drei Viertel des Marktes abdecken. Das bedeutet, sehr wenige Akteure haben einen enorm großen Einfluss.
Die Preise für Lebensmittel berücksichtigen nicht die Kosten, die für die Gemeinschaft durch ihre Herstellung entstehen.
Dr. Laura Spengler
Und wie erleben Sie die Perspektive der Landwirtschaft in der Diskussion zum Thema Ernährung?
Viele Landwirt*innen fühlen sich stark unter Druck gesetzt. Sie werden in der öffentlichen Debatte häufig für Umweltprobleme verantwortlich gemacht, etwa wenn es um Düngung oder Pflanzenschutzmittel geht.
Gleichzeitig stehen sie aber eben auch wirtschaftlich enorm unter Druck. Sie sollen umweltfreundlicher produzieren, und gleichzeitig sollen Lebensmittel möglichst günstig bleiben, weil es von den Verbraucher*innen erwartet wird.
Dieser Preisdruck wird entlang der Wertschöpfungskette weitergegeben, insbesondere durch die großen Akteure im Handel. Das heißt, man erwartet viel Veränderung von der Landwirtschaft, ohne dass die Rahmenbedingungen für sie entsprechend gestaltet werden.
Warum ist es so schwierig, stärker auf die Akteure in der Mitte einzuwirken?
Ich glaube, das liegt auch daran, dass klassische politische Instrumente dort nicht so gut greifen. Diese Akteure bewegen sich in komplexen Marktstrukturen, und direkte Eingriffe sind schwieriger umzusetzen.
Das heißt aber nicht, dass man es lassen sollte. Im Gegenteil: Aus unserer Sicht ist es wichtig, genau dort stärker anzusetzen und zu überlegen, wie man Einfluss nehmen kann.
Wo sehen Sie denn konkrete Hebel für ein nachhaltigeres Ernährungssystem?
Die Preise für Lebensmittel berücksichtigen nicht die Kosten, die für die Gemeinschaft durch ihre Herstellung entstehen. So kommt es, dass Biolebensmittel meist teurer sind als konventionelle, obwohl konventionelle die Böden, Gewässer und Artenvielfalt mehr belasten. Entsprechende Änderungen werden schon lange gefordert, zum Beispiel wenigstens in Form einer Anpassung der Mehrwertsteuer, aber das ist insgesamt politisch ein sehr dickes Brett.
Ein viel genannter „großer Hebel“ ist außerdem der Bereich der Gemeinschaftsverpflegung. Also alles, was in Kantinen, Schulen, Kitas, Krankenhäusern oder auch in der Betriebsgastronomie passiert. Dort werden sehr viele Mahlzeiten umgesetzt. Wenn man dort etwas verändert, erreicht man also auf einmal sehr viele Menschen gleichzeitig.
Regionalität ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht der zentrale Hebel, als der sie häufig dargestellt wird.
Dr. Laura Spengler
Welche grundlegenden Veränderungen halten Sie im Ernährungssystem für notwendig?
Ein ganz zentraler Punkt ist der Konsum tierischer Produkte. Wir essen im Durchschnitt einfach zu viel davon. Das heißt nicht, dass alle Menschen vegetarisch leben müssen, aber eine Verschiebung hin zu mehr pflanzlicher Ernährung ist der wichtigste Ansatz für ein nachhaltiges Ernährungssystem.
Ein zweiter Punkt ist der Umgang mit Lebensmitteln insgesamt. Wir haben es geschafft, diese sehr günstig und in großer Menge verfügbar zu machen. Das ist einerseits natürlich positiv. Andererseits hat es dazu geführt, dass die Wertschätzung gesunken ist und sehr viel weggeworfen wird.
Dazu kommt die Frage, wie Lebensmittel produziert werden. Wir empfehlen zum Beispiel, stärker auf umweltfreundlich erzeugte Produkte zu setzen, etwa Bio oder auch Fairtrade, soweit das möglich ist.
Wie ist Ihre Haltung zu Lebensmittel-Siegeln?
Grundsätzlich finde ich es gut, dass es Siegel gibt, weil sie eine Differenzierung ermöglichen. Im Idealfall bräuchte man sie gar nicht, weil alle Produkte bestimmte Standards erfüllen würden. Aber davon sind wir weit entfernt.
Das Problem ist eher die Vielzahl an Siegeln. Für Verbraucher*innen ist es oft schwer zu verstehen, wofür ein Siegel steht und ob man ihm vertrauen kann.
Deshalb empfehlen wir, sich auf einige wenige bekannte Siegel zu konzentrieren. Das staatliche Bio-Siegel ist ein gutes Beispiel. Es ist zwar nicht das ambitionierteste, aber es ist klar geregelt und weit verbreitet.
Und wie bewerten Sie das Thema Regionalität?
Das wird oft überschätzt. Viele Menschen denken, sie ernähren sich automatisch nachhaltig, wenn sie regional einkaufen. Aus ökologischer Perspektive ist das aber meistens nicht der entscheidende Faktor. Viel wichtiger ist, wie ein Produkt hergestellt wird und zu welcher Jahreszeit man es nachfragt – Tomaten aus dem beheizten Gewächshaus sind zum Beispiel keine umweltfreundliche Wahl.
Transportwege spielen eine Rolle, aber oft eine kleinere als gedacht, weil große Lieferketten sehr effizient sind. Das heißt, Regionalität ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht der zentrale Hebel, als der sie häufig dargestellt wird. Eine Ausnahme bilden mit dem Flugzeug transportierte Produkte: Die Flugemissionen schlagen in der Ökobilanz dann doch stark zu Buche. Solche Produkte werden im Supermarkt leider nicht entsprechend gekennzeichnet.
Alle Menschen müssen Zugang zu einer gesunden, bezahlbaren und gleichzeitig auch schmackhaften Ernährung haben.
Dr. Laura Spengler
Mit welchen Veränderungen kann die Gastronomie zu einem nachhaltigeren Ernährungssystem beitragen?
Auf durchschnittlichen Speisekarten ist Fleisch oft noch der zentrale Bestandteil eines Gerichts, und pflanzliche Optionen sind eher Ergänzung oder Sonderfall.
Dabei geht es gar nicht darum, Menschen zu überzeugen oder zu etwas zu drängen. Es müsste einfach ein gutes Angebot geben, das es leicht macht, sich auch anders zu entscheiden.
Ein weiterer Punkt ist die Ausbildung von Köch*innen. Dort ist der Fokus immer noch stark auf Fleisch- und Fischgerichte ausgerichtet. Pflanzliche Küche spielt eine deutlich kleinere Rolle, und das wirkt sich natürlich auf das Angebot aus.
Wie sieht für Sie eine gelungene Ernährungswende aus?
Mehrere Aspekte müssen zusammenkommen. Aus unserer Perspektive sind das vor allem Umwelt, Gesundheit und Tierschutz. Gleichzeitig muss das Ganze wirtschaftlich funktionieren, das ist ja eine Grundvoraussetzung.
Alle Menschen müssen also Zugang zu einer gesunden, bezahlbaren und gleichzeitig auch schmackhaften Ernährung haben. Die Lebensmittel sollten so hergestellt werden, dass wir uns innerhalb der planetaren Grenzen bewegen: Klima, Biodiversität und andere ökologische Faktoren müssen berücksichtigt werden. Gleichzeitig müssten Rahmenbedingungen eingehalten werden, die mit Blick auf die Arbeitsbedingungen und den Tierschutz vertretbar sind.
Vielen Dank für das Gespräch!