Inter­view mit Dr. Lau­ra Speng­ler, Umweltbundesamt

Nach­hal­ti­ge Ernäh­rung: Die Akteu­re in der Mit­te der Wert­schöp­fungs­ket­te haben eine enor­me Marktmacht“

PHINEO-Redaktion,
07.09.2026

War­um ent­wi­ckelt sich unser Ernäh­rungs­sys­tems nur lang­sam in Rich­tung Nach­hal­tig­keit? Für Dr. Lau­ra Speng­ler vom Umwelt­bun­des­amt wird die Debat­te häu­fig an den fal­schen Stel­len geführt. Im Inter­view erklärt sie, war­um Verbraucher*innen und Land­wirt­schaft allein die Ver­än­de­run­gen nicht tra­gen kön­nen, wel­che Rol­le Han­del und Lebens­mit­tel­in­dus­trie spie­len und wel­che Hebel wirk­lich zu einer nach­hal­ti­ge­ren Ernäh­rung bei­tra­gen können. 

Dr. Lau­ra Speng­ler ist Umwelt­wis­sen­schaft­le­rin und arbei­tet seit 2019 als Fach­ge­biets­lei­te­rin beim Umwelt­bun­des­amt. Dort befasst sie sich unter ande­rem mit nach­hal­ti­gen Kon­sum­mus­tern, Indi­ka­to­ren für nach­hal­ti­gen Kon­sum, umwelt­ge­rech­ter Pro­dukt­ge­stal­tung, nach­hal­ti­ger Ernäh­rung und Umweltinnovationen.

Frau Speng­ler, wie schät­zen Sie die aktu­el­le Debat­te über Ernäh­rung in Deutsch­land ein?

Ich habe den Ein­druck, dass die Debat­te ziem­lich fest­ge­fah­ren ist. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­de sehr pola­ri­siert dis­ku­tiert, oft auch stark emo­tio­nal. Dadurch sind Fron­ten ent­stan­den, die sich nicht so leicht wie­der auf­lö­sen las­sen. Man sieht das auch im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern. In den Nie­der­lan­den zum Bei­spiel gibt es poli­ti­sche Ziel­set­zun­gen für den Anteil pflanz­li­cher Pro­te­ine. So eine Dis­kus­si­on wäre in Deutsch­land in die­ser Form im Moment kaum denkbar.

Auf­fäl­lig ist zudem, dass sich die öffent­li­che Dis­kus­si­on sehr stark auf die bei­den Enden der Wert­schöp­fungs­ket­te kon­zen­triert: auf die Landwirt*innen und die Verbraucher*innen. Dabei han­delt es sich um gro­ße, sehr hete­ro­ge­ne Grup­pen, die aus vie­len Ein­zel­ak­teu­ren bestehen und des­halb struk­tu­rell eher schwach auf­ge­stellt sind. Trotz­dem wird häu­fig erwar­tet, dass genau sie die not­wen­di­gen Ver­än­de­run­gen vor­an­trei­ben. Seit Jahr­zehn­ten wird ver­sucht, über ver­än­der­tes Verbraucher*innenverhalten Fort­schrit­te zu erzie­len. Das ist nicht grund­sätz­lich falsch, reicht aber allein nicht aus.

Deut­lich weni­ger Auf­merk­sam­keit erhal­ten die Akteu­re in der Mit­te der Wert­schöp­fungs­ket­te – also Han­del, Sys­tem­gas­tro­no­mie und Lebens­mit­tel­in­dus­trie. Dabei ver­fü­gen sie über enor­me Markt­macht und haben damit einen gro­ßen Ein­fluss auf das Ernäh­rungs­sys­tem. Gemes­sen an die­ser Rol­le ste­hen sie erstaun­lich sel­ten im Zen­trum der Debatte.

Gibt es dazu kon­kre­te Untersuchungen?

Ja, wir haben uns den Lebens­mit­tel­ein­zel­han­del in einer Stu­di­en­rei­he genau­er ange­schaut und sys­te­ma­tisch unter­sucht, was die gro­ßen Han­dels­un­ter­neh­men tun: wel­che Daten sie erhe­ben, wie sie ihre Rol­le ver­ste­hen und ob sie ihren Ein­fluss nut­zen, um nach­hal­ti­ge­re Ent­wick­lun­gen im Ernäh­rungs­sys­tem voranzubringen.

Dabei ist zu beden­ken, dass der Lebens­mit­tel­ein­zel­han­del in Deutsch­land sehr stark kon­zen­triert ist. Im Grun­de sind es vier gro­ße Unter­neh­men mit ins­ge­samt acht Han­dels­ket­ten, die etwa drei Vier­tel des Mark­tes abde­cken. Das bedeu­tet, sehr weni­ge Akteu­re haben einen enorm gro­ßen Einfluss.

Die Prei­se für Lebens­mit­tel berück­sich­ti­gen nicht die Kos­ten, die für die Gemein­schaft durch ihre Her­stel­lung entstehen.

Dr. Lau­ra Spengler

Und wie erle­ben Sie die Per­spek­ti­ve der Land­wirt­schaft in der Dis­kus­si­on zum The­ma Ernährung?

Vie­le Landwirt*innen füh­len sich stark unter Druck gesetzt. Sie wer­den in der öffent­li­chen Debat­te häu­fig für Umwelt­pro­ble­me ver­ant­wort­lich gemacht, etwa wenn es um Dün­gung oder Pflan­zen­schutz­mit­tel geht.

Gleich­zei­tig ste­hen sie aber eben auch wirt­schaft­lich enorm unter Druck. Sie sol­len umwelt­freund­li­cher pro­du­zie­ren, und gleich­zei­tig sol­len Lebens­mit­tel mög­lichst güns­tig blei­ben, weil es von den Verbraucher*innen erwar­tet wird.

Die­ser Preis­druck wird ent­lang der Wert­schöp­fungs­ket­te wei­ter­ge­ge­ben, ins­be­son­de­re durch die gro­ßen Akteu­re im Han­del. Das heißt, man erwar­tet viel Ver­än­de­rung von der Land­wirt­schaft, ohne dass die Rah­men­be­din­gun­gen für sie ent­spre­chend gestal­tet werden.

War­um ist es so schwie­rig, stär­ker auf die Akteu­re in der Mit­te einzuwirken?

Ich glau­be, das liegt auch dar­an, dass klas­si­sche poli­ti­sche Instru­men­te dort nicht so gut grei­fen. Die­se Akteu­re bewe­gen sich in kom­ple­xen Markt­struk­tu­ren, und direk­te Ein­grif­fe sind schwie­ri­ger umzusetzen.

Das heißt aber nicht, dass man es las­sen soll­te. Im Gegen­teil: Aus unse­rer Sicht ist es wich­tig, genau dort stär­ker anzu­set­zen und zu über­le­gen, wie man Ein­fluss neh­men kann.

Wo sehen Sie denn kon­kre­te Hebel für ein nach­hal­ti­ge­res Ernährungssystem?

Die Prei­se für Lebens­mit­tel berück­sich­ti­gen nicht die Kos­ten, die für die Gemein­schaft durch ihre Her­stel­lung ent­ste­hen. So kommt es, dass Bio­le­bens­mit­tel meist teu­rer sind als kon­ven­tio­nel­le, obwohl kon­ven­tio­nel­le die Böden, Gewäs­ser und Arten­viel­falt mehr belas­ten. Ent­spre­chen­de Ände­run­gen wer­den schon lan­ge gefor­dert, zum Bei­spiel wenigs­tens in Form einer Anpas­sung der Mehr­wert­steu­er, aber das ist ins­ge­samt poli­tisch ein sehr dickes Brett.

Ein viel genann­ter gro­ßer Hebel“ ist außer­dem der Bereich der Gemein­schafts­ver­pfle­gung. Also alles, was in Kan­ti­nen, Schu­len, Kitas, Kran­ken­häu­sern oder auch in der Betriebs­gas­tro­no­mie pas­siert. Dort wer­den sehr vie­le Mahl­zei­ten umge­setzt. Wenn man dort etwas ver­än­dert, erreicht man also auf ein­mal sehr vie­le Men­schen gleichzeitig. 

Regio­na­li­tät ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht der zen­tra­le Hebel, als der sie häu­fig dar­ge­stellt wird.

Dr. Lau­ra Spengler

Wel­che grund­le­gen­den Ver­än­de­run­gen hal­ten Sie im Ernäh­rungs­sys­tem für notwendig?

Ein ganz zen­tra­ler Punkt ist der Kon­sum tie­ri­scher Pro­duk­te. Wir essen im Durch­schnitt ein­fach zu viel davon. Das heißt nicht, dass alle Men­schen vege­ta­risch leben müs­sen, aber eine Ver­schie­bung hin zu mehr pflanz­li­cher Ernäh­rung ist der wich­tigs­te Ansatz für ein nach­hal­ti­ges Ernährungssystem.

Ein zwei­ter Punkt ist der Umgang mit Lebens­mit­teln ins­ge­samt. Wir haben es geschafft, die­se sehr güns­tig und in gro­ßer Men­ge ver­füg­bar zu machen. Das ist einer­seits natür­lich posi­tiv. Ande­rer­seits hat es dazu geführt, dass die Wert­schät­zung gesun­ken ist und sehr viel weg­ge­wor­fen wird.

Dazu kommt die Fra­ge, wie Lebens­mit­tel pro­du­ziert wer­den. Wir emp­feh­len zum Bei­spiel, stär­ker auf umwelt­freund­lich erzeug­te Pro­duk­te zu set­zen, etwa Bio oder auch Fair­trade, soweit das mög­lich ist.

Wie ist Ihre Hal­tung zu Lebensmittel-Siegeln?

Grund­sätz­lich fin­de ich es gut, dass es Sie­gel gibt, weil sie eine Dif­fe­ren­zie­rung ermög­li­chen. Im Ide­al­fall bräuch­te man sie gar nicht, weil alle Pro­duk­te bestimm­te Stan­dards erfül­len wür­den. Aber davon sind wir weit entfernt.

Das Pro­blem ist eher die Viel­zahl an Sie­geln. Für Verbraucher*innen ist es oft schwer zu ver­ste­hen, wofür ein Sie­gel steht und ob man ihm ver­trau­en kann.

Des­halb emp­feh­len wir, sich auf eini­ge weni­ge bekann­te Sie­gel zu kon­zen­trie­ren. Das staat­li­che Bio-Sie­gel ist ein gutes Bei­spiel. Es ist zwar nicht das ambi­tio­nier­tes­te, aber es ist klar gere­gelt und weit verbreitet.

Und wie bewer­ten Sie das The­ma Regionalität?

Das wird oft über­schätzt. Vie­le Men­schen den­ken, sie ernäh­ren sich auto­ma­tisch nach­hal­tig, wenn sie regio­nal ein­kau­fen. Aus öko­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve ist das aber meis­tens nicht der ent­schei­den­de Fak­tor. Viel wich­ti­ger ist, wie ein Pro­dukt her­ge­stellt wird und zu wel­cher Jah­res­zeit man es nach­fragt – Toma­ten aus dem beheiz­ten Gewächs­haus sind zum Bei­spiel kei­ne umwelt­freund­li­che Wahl.

Trans­port­we­ge spie­len eine Rol­le, aber oft eine klei­ne­re als gedacht, weil gro­ße Lie­fer­ket­ten sehr effi­zi­ent sind. Das heißt, Regio­na­li­tät ist nicht falsch, aber sie ist auch nicht der zen­tra­le Hebel, als der sie häu­fig dar­ge­stellt wird. Eine Aus­nah­me bil­den mit dem Flug­zeug trans­por­tier­te Pro­duk­te: Die Flug­e­mis­sio­nen schla­gen in der Öko­bi­lanz dann doch stark zu Buche. Sol­che Pro­duk­te wer­den im Super­markt lei­der nicht ent­spre­chend gekennzeichnet. 

Alle Men­schen müs­sen Zugang zu einer gesun­den, bezahl­ba­ren und gleich­zei­tig auch schmack­haf­ten Ernäh­rung haben.

Dr. Lau­ra Spengler

Mit wel­chen Ver­än­de­run­gen kann die Gas­tro­no­mie zu einem nach­hal­ti­ge­ren Ernäh­rungs­sys­tem beitragen?

Auf durch­schnitt­li­chen Spei­se­kar­ten ist Fleisch oft noch der zen­tra­le Bestand­teil eines Gerichts, und pflanz­li­che Optio­nen sind eher Ergän­zung oder Sonderfall.

Dabei geht es gar nicht dar­um, Men­schen zu über­zeu­gen oder zu etwas zu drän­gen. Es müss­te ein­fach ein gutes Ange­bot geben, das es leicht macht, sich auch anders zu entscheiden.

Ein wei­te­rer Punkt ist die Aus­bil­dung von Köch*innen. Dort ist der Fokus immer noch stark auf Fleisch- und Fisch­ge­rich­te aus­ge­rich­tet. Pflanz­li­che Küche spielt eine deut­lich klei­ne­re Rol­le, und das wirkt sich natür­lich auf das Ange­bot aus.

Wie sieht für Sie eine gelun­ge­ne Ernäh­rungs­wen­de aus?

Meh­re­re Aspek­te müs­sen zusam­men­kom­men. Aus unse­rer Per­spek­ti­ve sind das vor allem Umwelt, Gesund­heit und Tier­schutz. Gleich­zei­tig muss das Gan­ze wirt­schaft­lich funk­tio­nie­ren, das ist ja eine Grundvoraussetzung.

Alle Men­schen müs­sen also Zugang zu einer gesun­den, bezahl­ba­ren und gleich­zei­tig auch schmack­haf­ten Ernäh­rung haben. Die Lebens­mit­tel soll­ten so her­ge­stellt wer­den, dass wir uns inner­halb der pla­ne­ta­ren Gren­zen bewe­gen: Kli­ma, Bio­di­ver­si­tät und ande­re öko­lo­gi­sche Fak­to­ren müs­sen berück­sich­tigt wer­den. Gleich­zei­tig müss­ten Rah­men­be­din­gun­gen ein­ge­hal­ten wer­den, die mit Blick auf die Arbeits­be­din­gun­gen und den Tier­schutz ver­tret­bar sind. 

Vie­len Dank für das Gespräch!