Es geht nicht immer um Wirksamkeit

Die Kon­zep­te Wirk­sam­keit und Wir­kung wer­den häu­fig zusam­men­ge­wor­fen. Das führt zu Pro­ble­men und unter­schied­li­chen Erwar­tungs­hal­tun­gen. War­um die Unter­schei­dung wich­tig ist, erklärt Jonas Fathy in die­sem Artikel.

Vor eini­gen Mona­ten saß ich mit einer inter­na­tio­na­len Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on zusam­men, die ich sehr schät­ze. Sie unter­stützt trau­ma­ti­sier­te Men­schen welt­weit dabei, ihre Erfah­run­gen zu ver­ar­bei­ten und psy­chi­sche Hei­lungs­pro­zes­se zu ermög­li­chen. Mein Gegen­über sag­te stolz: Wir sind sehr wir­kungs­ori­en­tiert!“ Natür­lich war ich neu­gie­rig. Also frag­te ich: Willst du mir das mal zeigen?“

Und tat­säch­lich: Die Orga­ni­sa­ti­on arbei­tet außer­ge­wöhn­lich fun­diert. Neue Pro­gram­me wer­den wis­sen­schaft­lich pilo­tiert, eva­lu­iert und mit kla­ren Qua­li­täts­kri­te­ri­en ver­se­hen. Bei erfolg­rei­cher Pilo­tie­rung wer­den sie in ande­ren Län­dern repli­ziert und ska­liert. Die Output‑Qualitätskriterien sichern dabei eine hohe Umset­zungs­qua­li­tät. Bis hier­hin fand ich das wirk­lich(!) stark. Dann kam der Haken.

Denn die Wir­kun­gen – also die tat­säch­li­chen Ver­än­de­run­gen bei den Men­schen – wur­den nur bei der Pilo­tie­rung im Ursprungs­land erho­ben. In allen wei­te­ren Län­dern wird aus­schließ­lich über­prüft, ob die defi­nier­ten Qua­li­täts­kri­te­ri­en für Out­puts ein­ge­hal­ten wer­den. Die Wir­kun­gen selbst wer­den jedoch nicht mehr gemes­sen. Mein Feed­back war ent­spre­chend unan­ge­nehm – auch für mich selbst: Ihr seid sehr wirk­sam­keits­ori­en­tiert. Aber lei­der nicht wirkungsorientiert.“

Glück­li­cher­wei­se ist die Prü­fung der Wir­kung deut­lich leich­ter als die Prü­fung der Wirk­sam­keit. Aber was ist eigent­lich der Unter­schied? Und was bringt die Unterscheidung?

Wir­kung vs. Wirk­sam­keit – eine kla­re Unterscheidung 

Wir­kun­gen sind die tat­säch­li­chen Ver­än­de­run­gen, die infol­ge einer Hand­lung oder eines Ereig­nis­ses ein­tre­ten. Wirk­sam­keit hin­ge­gen beschreibt die Erwart­bar­keit, dass eine bestimm­te Hand­lung eine bestimm­te Wir­kung her­vor­ruft. Bei­des fällt nicht auto­ma­tisch zusammen.

Wir­kung fragt: Was hat sich verändert?

Wirk­sam­keit fragt: Wie wahr­schein­lich ist es, dass genau die­se Ver­än­de­rung durch genau die­se Inter­ven­ti­on ein­tre­ten wird?

Im obi­gen Bei­spiel war die Wirk­sam­keit der Pro­gram­me für den spe­zi­fi­schen Kon­text des Pilot­lan­des gut belegt. Ob sich die­se Wirk­sam­keit auf ande­re Län­der über­tra­gen lässt, bleibt offen. Denn ohne eine erneu­te Erhe­bung der Wir­kun­gen vor Ort wis­sen wir nicht, ob und wie sich in die­sen Län­dern für die Ziel­grup­pen tat­säch­lich etwas ver­än­dert hat.

Ein Bei­spiel aus der Medi­zin: Ibu­profen und Placebo

In der Medi­zin ist die Unter­schei­dung zwi­schen Wirk­sam­keit und Wir­kung selbstverständlich.

Ibu­profen ist erwie­se­ner­ma­ßen wirk­sam, belegt durch zahl­rei­che kon­trol­lier­te Stu­di­en. Trotz­dem ken­nen vie­le Men­schen die­se Erfah­rung: Tablet­te genom­men, Kopf­schmer­zen geblieben. 

Umge­kehrt wis­sen wir: Pla­ce­bos sind nicht wirk­sam. Und den­noch kön­nen sie Wir­kung ent­fal­ten. Sie kön­nen Schmer­zen lin­dern, Sym­pto­me ver­än­dern, das Wohl­be­fin­den steigern. 

Der Medi­zi­ner Johan­nes Köber­ling beschreibt die bei­den Kon­zep­te ein­drück­lich in sei­nem Buch Wir­kung ohne Wirk­sam­keit“ (Sprin­ger Natu­re, 2022): 

Mit Wirk­sam­keit wird aus­ge­drückt, ob und gege­be­nen­falls mit wel­cher Wahr­schein­lich­keit kau­sal eine vor­ab defi­nier­te Ver­än­de­rung erreicht wer­den kann. Hier­aus lässt sich kei­ne Aus­sa­ge im Ein­zel­fall ablei­ten.“ (S. 13

Mit ande­ren Wor­ten: Nur, weil etwas nach­ge­wie­sen wirk­sam ist, muss es im Ein­zel­fall nicht wir­ken. Und auch anders­her­um: Nur, weil etwas im Ein­zel­fall wirkt, muss es noch nicht wirk­sam sein.

Die­se Logik lässt sich erstaun­lich gut auf sozia­le Wir­kun­gen über­tra­gen. Und soll­te Fol­gen für die Prio­ri­sie­rung von Res­sour­cen in der Wir­kungs­mes­sung haben.

War­um Wirk­sam­keit mes­sen häu­fig überfordert 

Es ist extrem auf­wän­dig, die Wirk­sam­keit von Medi­ka­men­ten nach­zu­wei­sen. Der Wirk­sam­keits­nach­weis medi­zi­ni­scher Ver­fah­ren erfolgt immer im Vor­aus (ex ante) und wird über­wie­gend durch Stu­di­en ermit­telt“, so Köber­ling. (ebd., S. 15). Ent­spre­chen­de Stu­di­en kos­ten Mil­lio­nen oder oft Mil­li­ar­den Euro.

Und die sozia­le Welt ist nicht weni­ger kom­plex. Im Gegen­teil: Sie ist (mög­li­cher­wei­se noch stär­ker) von Kon­tex­ten, Bezie­hun­gen, Nar­ra­ti­ven und sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mun­gen geprägt als die Welt der Medi­zin. Und je unter­schied­li­cher die­se Din­ge sind, des­to mehr Ein­schrän­kun­gen müs­sen wir beim Nach­weis von Wirk­sam­keit hinnehmen.

Wir­kun­gen hin­ge­gen las­sen sich direk­ter und häu­fig mit weni­ger Res­sour­cen beob­ach­ten, etwa durch

  • Befra­gun­gen, 
  • qua­li­ta­ti­ve Interviews, 
  • die Beob­ach­tung von Ver­hal­ten, Hal­tung oder Entscheidungen,
  • par­ti­zi­pa­ti­ve Ver­fah­ren aus Sicht der Zielgruppen.

Genau hier setzt wir­kungs­ori­en­tier­tes Arbei­ten an. Es geht dar­um, nicht nur die Umset­zung zu bewer­ten, son­dern den Blick auf die Ver­än­de­run­gen zu rich­ten, die dadurch ent­ste­hen. So fun­diert wie mög­lich, so wis­sen­schaft­lich wie nötig. 

Glos­sar: Grund­be­grif­fe der Wirkungsorientierung

Von I wie Impact bis W wie Wir­kung:
Die­se Begrif­fe schär­fen den Blick

Na und? Was bringt das jetzt?

Ich mer­ke in Gesprä­chen häu­fig, dass Wir­kun­gen und Wirk­sam­keit zusam­men­ge­wor­fen wer­den, und dabei (meist unbe­wusst) ganz unter­schied­li­che Erwar­tungs­hal­tun­gen an Mes­sung“ geweckt wer­den. Die­se wie­der­um füh­ren dann schnell zu ver­track­ten Dis­kus­sio­nen über Res­sour­cen­ein­satz und Mach­bar­keit, die zu Ent­täu­schun­gen auf allen Sei­ten führen.

Wirk­sam­keit ist ein sehr wich­ti­ges Kon­zept und hilf­reich, wenn es dar­um geht, Ansät­ze zu ska­lie­ren oder zu repli­zie­ren. Dabei ist aber wich­tig, zu beden­ken: Wirk­sam­keits­fest­stel­lung ist auf­wän­dig, kos­ten­in­ten­siv und kon­text­ab­hän­gig. Letz­te­res bedeu­tet, dass wir trotz­dem Res­sour­cen für die Mes­sung von tat­säch­li­chen Wir­kun­gen brauchen.

Wir­kun­gen sind im Ver­gleich dazu meist ein­fa­cher und prag­ma­ti­scher zu beob­ach­ten. Es sind kon­kre­te Ergeb­nis­se, die bei der Ziel­grup­pe oder der Gesell­schaft ein­ge­tre­ten sind. Um sich der Fra­ge nach der Wirk­sam­keit anzu­nä­hern, braucht es Res­sour­cen für Mess­sys­te­ma­ti­ken, die über die Ein­zel­fall­erhe­bung hin­aus gehen.

Daher kann es sehr hilf­reich sein, sich zu fra­gen: Geht es bei unse­rer Mes­sung um erreich­te Ergeb­nis­se (Wir­kun­gen) oder die Erwart­bar­keit von Ergeb­nis­sen in Zukunft (Wirk­sam­keit)?An der Ant­wort auf die­se Fra­ge rich­tet sich aus, wel­che Metho­den und Res­sour­cen wir tat­säch­lich ein­set­zen sollten. 

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Jonas Fathy ✭ jonas.​fathy@​phineo.​org +49 30 520 065 113