Die unend­li­che Küs­te:
Was Mee­res­küs­ten und Wir­kung gemein­sam haben

Der Begriff der Wir­kungs­mes­sung schei­det die Geis­ter. Die einen sagen: Wir­kun­gen kann man gar nicht mes­sen. Die ande­ren: Doch, und zwar sehr genau. Dazwi­schen lie­gen frus­trie­ren­de Dis­kus­sio­nen, kost­spie­li­ge Erhe­bungs­de­signs und ent­täusch­te Erwar­tun­gen. Viel­leicht hilft es, ein­mal über den Tel­ler­rand zu schau­en, weg von Indi­ka­to­ren und Wir­kungs­lo­gi­ken, hin zu einem Phä­no­men, das aus einer ganz ande­ren Dis­zi­plin stammt: der Geografie.

Das Coast­li­ne Para­dox: War­um Küs­ten län­ger wer­den, je genau­er wir messen 

Stel­len wir uns vor, wir möch­ten die Küs­ten­li­nie eines Lan­des ver­mes­sen, zum Bei­spiel Groß­bri­tan­ni­ens. Also über­le­gen wir uns, 100 km lan­ge Mess­lat­ten ent­lang der Küs­te zu legen. Das Ergeb­nis: eine 2.800 km lan­ge Küs­te. Dann mer­ken wir aber, dass wir das ja eigent­lich für die Stadt­pla­nung brau­chen und wir mit die­ser Län­ge der Mess­lat­te zu vie­le Buch­ten ver­lie­ren. Also legen wir 1 km lan­ge Mess­lat­ten über die Küs­te. Und plötz­lich ist die Küs­te über 8.000 km lang – mehr als drei­mal so viel! Wie kann das sein?! 

Tat­säch­lich hängt das Ergeb­nis der Län­gen­mes­sung eines unre­gel­mä­ßi­gen Kör­pers über­ra­schend stark davon ab, mit wel­chem Maß­stab wir mes­sen. Auf einer Kar­te mit klei­nem Maß­stab wirkt die Küs­te recht glatt, mit eini­gen gro­ßen Bögen. Doch sobald wir näher her­an­zoo­men, tre­ten plötz­lich unzäh­li­ge Buch­ten, Fel­sen und klei­ne Land­zun­gen her­vor. Die Küs­te wird mit jedem fei­ne­ren Maß­stab län­ger, kom­ple­xer und letzt­lich unbestimmbar. 

Die­ses Phä­no­men ist bekannt als Coast­li­ne Para­dox (deutsch: Küs­ten­li­ni­en-Para­do­xon). Benoît Man­del­brot hat es 1967 wis­sen­schaft­lich beschrie­ben*. Ein Bei­spiel aus dem Spek­trum der Wis­sen­schaft** erläu­tert es noch pla­ka­ti­ver an Nor­we­gen: Das Land hat unzäh­li­ge Fjor­de (lang­ge­streck­te Buch­ten). Igno­riert man die­se, hat das Land eine Küs­ten­län­ge von 2.650 km. Bezieht man sie mit ein, wer­den es plötz­lich 25.000 km, fast zehn Mal so viel.

Bei­de Mess­wer­te sind rich­tig – je nach­dem, wel­chen Maß­stab wir wäh­len. Und das Ergeb­nis wird noch von einer wei­te­ren Ent­schei­dung beein­flusst: Was berück­sich­ti­gen wir eigent­lich? Mes­sen wir bei Ebbe oder Flut? Zäh­len wir Fel­sen? Buch­ten? Und wenn ja zu Fel­sen oder Buch­ten: bis zu wel­cher Größe? 

Schon hier zeigt sich, dass Exakt­heit kei­ne neu­tra­le Grö­ße ist, son­dern das Ergeb­nis von Entscheidungen. 

Eine über­ra­schend direk­te Par­al­le­le zur Wirkungsmessung

Wer sich län­ger mit Wir­kung beschäf­tigt, kennt die­ses Mus­ter auch bei der Wir­kungs­mes­sung, denn: Sie ist geprägt von Zweck, Per­spek­ti­ve und Inter­pre­ta­ti­on.

Und sie stößt an Gren­zen, die stark an das Küs­ten­li­ni­en-Para­do­xon erinnern:

Je genau­er wir hin­schau­en, des­to mehr Details tun sich auf. Jedes Gespräch, jede Neben­wir­kung, jeder Kon­text­fak­tor beein­flusst die gemes­se­nen Ergeb­nis­se. Je umfas­sen­der und detail­lier­ter die Mes­sung, des­to grö­ßer der Res­sour­cen­be­darf. Und des­to unkla­rer, ob die zusätz­li­chen Daten wirk­lich einen Mehr­wert erzeu­gen. Sobald wir defi­nie­ren, was zur Wir­kung gehört, wird sicht­bar, wie viel wir zwangs­läu­fig ausschließen.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet: Wofür mes­sen wir?

Wir­kungs­mes­sung kann also nie voll­kom­men genau sein. Wir­kung ist kom­plex, lang­fris­tig, oft indi­rekt und immer von Kon­tex­ten abhän­gig. Das ist kein Makel der Wir­kungs­mes­sung oder ein allein sozi­al­wis­sen­schaft­li­ches Pro­blem; es liegt in der Natur der Mess­tä­tig­keit an sich. Die Dis­kus­si­on dar­um, mit wel­cher Genau­ig­keit wir mes­sen kön­nen, ist daher oft eine Nebel­ker­ze: Die Fra­ge ist nicht, wie genau wir mes­sen kön­nen; viel wich­ti­ger ist, wofür und zu wel­chem Zweck wir mes­sen. Davon hängt ab, wel­chen Maß­stab es braucht.

Das Bei­spiel von Nor­we­gens Küs­te macht es greif­bar: für die Pla­nung des Treib­stoff­ver­brauchs von Nor­we­gens Küs­ten­wa­che ist eine Küs­ten­län­ge von ~2.500 – 3.000km ver­mut­lich sinn­vol­ler als der Ein­be­zug aller Fjor­de, da ver­mut­lich nur weni­ge davon ein­zeln abge­fah­ren wer­den. Für den Bau einer Stadt an der Küs­te wäre die­ser Mess­maß­stab aber voll­kom­men unan­ge­bracht, da die eigent­lich ver­füg­ba­re Bau­flä­che zu stark ver­fälscht wer­den würde.

Glos­sar

Von I wie Impact bis W wie Wir­kung: Die­se Begrif­fe schär­fen den Blick

Wo beginnt Wir­kung – und wo endet sie?

Das Coast­li­ne Para­dox zeigt uns, dass jede Mes­sung unschar­fe Rän­der hat. Es gibt kei­nen ein­deu­tig fest­ge­leg­ten Punkt, an dem die Küs­te beginnt oder auf­hört. Ent­schei­dend ist, wie genau wir hin­schau­en und wo wir die Linie ziehen.

Auch in der Wir­kungs­mes­sung müs­sen wir Gren­zen festlegen:

  • Wel­che Ver­än­de­run­gen schrei­ben wir unse­rer Maß­nah­me zu – und wel­che nicht?
  • Ab wann spre­chen wir von Wirkung?
  • Und wo zie­hen wir die Gren­ze zu indi­rek­ten oder sehr lang­fris­ti­gen Effekten?

Die­se Unklar­hei­ten sind nicht stö­rend“. Sie sind wesent­li­cher Bestand­teil guter Wir­kungs­pra­xis. Es kann nicht dar­um gehen, jede Grau­zo­ne zu besei­ti­gen – das wäre unmög­lich – son­dern dar­um, die­se Gren­zen bewusst zu zie­hen und trans­pa­rent zu machen.

Ein Plä­doy­er für Ange­mes­sen­heit statt Maximierung

Das Coast­li­ne Para­dox zeigt uns: Mehr Genau­ig­keit ist nicht auto­ma­tisch bes­ser. Ent­schei­dend ist, dass die Art der Mes­sung zur Auf­ga­be passt. Dar­aus folgt eine ein­fa­che Orientierungshilfe:

  • Wenn es um Trends oder agg­re­gier­te Wir­kun­gen auf gro­ße oder schwer erreich­ba­re Popu­la­tio­nen geht, brau­chen wir ver­mut­lich eher grö­be­re Maß­stä­be und rech­ne­ri­sche Ablei­tun­gen von Erkennt­nis­sen auf Basis vor­han­de­ner Datenpunkte.
  • Wenn es aber dar­um geht, die Wir­kun­gen von Ein­zel­maß­nah­men und bei Indi­vi­du­en einer Ziel­grup­pe zu erfas­sen, um bei­spiels­wei­se dar­aus Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge für Pro­jekt- oder Pro­gramm­kon­zep­te abzu­lei­ten, sind detail­lier­te­re Erhe­bun­gen und Ana­ly­sen aus­sa­ge­kräf­ti­ger – aber mög­li­cher­wei­se auch aufwändiger.

Wir­kungs­ori­en­tie­rung bedeu­tet also nicht, Unschär­fen zu besei­ti­gen. Sie ver­langt viel­mehr, mit die­sen Unschär­fen bewusst umzu­ge­hen, sie sicht­bar zu machen, und dem Erkennt­nis­in­ter­es­se ange­mes­sen zu mes­sen“.

Fazit: Wir­kungs­mes­sung ist wie Küs­ten­mes­sung ein Balanceakt

Die Küs­te ist unend­lich lang, zumin­dest theo­re­tisch. Wir­kung ver­hält sich ähn­lich: Je genau­er wir hin­schau­en, des­to mehr ent­de­cken wir. Das cle­ve­re Vor­ge­hen besteht des­halb nicht dar­in, alles zu mes­sen. Son­dern dar­in, den ange­mes­se­nen Maß­stab zu wählen.

Das Coast­li­ne Para­dox erin­nert uns dar­an, dass Prä­zi­si­on nicht die höchs­te Form der Qua­li­tät ist. Die höchs­te Form der Qua­li­tät ist die bewuss­te Ent­schei­dung, wie viel Genau­ig­keit wir brau­chen und wofür.

*Quel­le: How Long Is The Coast of Bri­tain?, für Nicht-Mathematiker*innen nach­voll­zieh­ba­rer auf­be­rei­tet auf Coast­li­ne Paradox/​Wikipedia

**Quel­le: Spek­trum der Wissenschaft

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