Zuschreibbare Wirkung oder Wirkungsbeitrag? Die PHINEO-Wirkungstreppe in der Praxis
Das Kursbuch Wirkung und die PHINEO-Wirkungstreppe haben sich als eines der nützlichsten Instrumente etabliert, wenn es um das Verständnis von Wirkung geht. Es freut uns sehr, dass sie mittlerweile so vielen Organisationen und Initiativen als Orientierung dient.
Doch wie bei jedem Modell entstehen auch hier immer wieder Diskussionen und Unklarheiten. Zuletzt wurde die Wirkungstreppe von Dr. Filip Zielinski dafür kritisiert, die Frage der Attribution auszusparen – also die Frage, ob erzielte Ergebnisse tatsächlich nachweisbar auf die eigene Intervention zurückzuführen sind.
Mit dieser Antwort taucht Jonas Fathy, Leitung Philanthropie & Non-Profit bei PHINEO, tiefer in dieses Thema ein:
Das Kursbuch Wirkung als Praxishandbuch
Das Kursbuch Wirkung von 2012 spart den Begriff Attribution bewusst aus. Dieser Fachterminus hätte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vermutlich noch mehr Widerstand ausgelöst, als es sowieso schon gab. Das Kursbuch versteht sich als praxisnahes Handbuch für den Projektalltag von NPOs – nicht als wissenschaftliche Publikation für Universitäten oder spezialisierte Evaluationshäuser.
Dass der Begriff ausgespart wurde, bedeutet jedoch nicht, dass das zugrunde liegende Prinzip fehlt. Im Gegenteil: In der Anwendung zeigt sich, dass fast alle fortgeschrittenen Praktiker*innen, die ich kenne und die mit der Wirkungstreppe arbeiten, genau dieses Prinzip implizit nutzen.
Attribution und Kontribution: Ein zentraler Unterschied
Um den Diskurs besser zu verstehen, sind zwei Begriffe wichtig, die wir selten benennen: Zuschreibung (Attribution) und Beitrag (Kontribution). Sie sind für die Beurteilung von Wirkungsprozessen sehr wichtig.
- Attribution: Zuschreibbare Wirkungen sind Veränderungen, die eindeutig auf eine bestimmte Maßnahme zurückgeführt werden können. Es ist also klar: Eine bestimmte Maßnahme hat eine bestimmte Wirkung ausgelöst.
- Kontribution: Oft lässt sich Wirkung aber nicht direkt einer Maßnahme zuschreiben. Stattdessen hat die Maßnahme daran mitgewirkt, dass die Wirkung eintreten konnte – sie war ein wichtiger Baustein, aber nicht allein entscheidend. Solche Beiträge sind für komplexe Veränderungen typisch.
Attribution und Kontribution in der Wirkungstreppe
Ein Blick auf die Wirkungstreppe zeigt: Veränderungen von Fähigkeiten, Wissen oder Bewusstsein (Stufe 4) lassen sich mit den passenden Indikatoren meist plausibel auf eine Maßnahme zurückführen (Attribution). Anders ist es bei Verhaltensänderungen (Stufe 5) oder langfristigen Wirkungen (ab Stufe 6): Hier wirken mehrere Faktoren zusammen. Eine Maßnahme kann dazu beitragen, ist aber selten allein dafür verantwortlich (Kontribution).
Ein Beispiel: Nach dem Lesen dieses Artikels haben Sie, liebe*r Lesende, hoffentlich Ihr Wissen erweitert, etwa um zwei Begriffe des Wirkungsmanagements. Wenn Sie das auch so sehen, lässt sich plausibel sagen: Der Artikel hat eine zuschreibbare Wirkung auf Stufe 4 erzielt. Ob Sie anschließend Ihr Verhalten ändern, hängt jedoch von weiteren Faktoren ab, beispielsweise zeitlichen Ressourcen, einem wichtigen Auftrag oder anderen Voraussetzungen. Wenn Sie Ihre Wirkungslogik aufgrund dieses Artikels stärker auf Attribution prüfen, setzt das zunächst voraus, dass eine Wirkungslogik existiert. Kommt es zu einer Prüfung, hat der Artikel einen Beitrag zur Veränderung geleistet – also eine kontributive Wirkung auf Stufe 5.
Randnotiz: Aus wissenschaftlicher Perspektive bleibt offen, in welchem Ausmaß dieser Artikel zur Wissenserweiterung beigetragen hat. Da solche Fragen im Projektalltag meist nur mit unverhältnismäßigem Aufwand zu beantworten sind, spare ich sie hier aus.
Die Stufen der Wirkungstreppe: Von zuschreibbaren Wirkungen zu Wirkungsbeiträgen
Bei Maßnahmen, die nicht primär auf Wissen oder Fähigkeiten abzielen, stoßen wir an Grenzen. Die Unterscheidung zwischen Zuschreibung (Attribution) und Beitrag (Kontribution) hilft, die Wirkungstreppe flexibler zu interpretieren und auf unterschiedliche Kontexte anzuwenden.
- Stufe 4 steht für direkte Veränderungen, die plausibel oder ausreichend plausibel einer Maßnahme zugeschrieben werden können.
- Stufe 5 beschreibt indirekte Veränderungen, die nicht mehr allein auf eine Maßnahme zurückgehen, sondern durch weitere Einflüsse mit bedingt sind.
- Stufe 6 geht noch weiter: Hier sprechen wir von langfristigen Veränderungen, die durch die vorherigen Stufen ermöglicht werden. Eine Maßnahme trägt meist nur anteilig zur Gesamtwirkung bei.
Je höher die Stufe, desto komplexer ist also das Wirkungsgefüge – und desto mehr Faktoren beeinflussen das Ergebnis. Auf den unteren Stufen können wir Wirkungen leichter unseren Maßnahmen zuschreiben, auf den höheren Stufen leisten wir eher Beiträge zu umfassenderen Veränderungen.
Die Rolle von Stufe 4: Viel mehr als nur Fähigkeiten, Wissen und Bewusstsein
Die Beschreibung „Zielgruppen verändern ihr Bewusstsein bzw. ihre Fähigkeiten“ auf Stufe 4 ist beispielhaft zu verstehen. Sie steht für attribuierbare Wirkungen, wie sie oft in der Arbeit mit Menschen entstehen.
Es ist verlockend, diese Sichtweise generalistisch anzuwenden. Sie ist praxisnah, weil wir alle in unserem Alltag solche Erfahrungen gemacht haben. Aber sie greift zu kurz. Einige Beispiele zeigen, wo sie an ihre Grenzen stößt.
- Notfall-Essenspakete in Katastrophengebieten: Eine Wirkung auf Stufe 4 kann die unmittelbare Linderung von Hunger oder eine verbesserte Nährstoffversorgung sein.
- Erhöhung des Mindestlohns: Eine Wirkung auf Stufe 4 kann ein direkt gestiegenes Einkommen bestimmter Bevölkerungsgruppen sein.
- Begrünung einer versiegelten Fläche: Eine Wirkung auf Stufe 4 kann zusätzlicher Raum für die eigenständige Ansiedelung von Flora und Fauna sein.
In all diesen Fällen hilft eine ausschließliche Fokussierung auf Fähigkeiten, Wissen oder Bewusstsein bei der Entwicklung einer Wirkungslogik nicht weiter.
Und was ist mit Stufe 7?
Auch Stufe 7 – der Impact – fügt sich konsequent in diese Logik: Gesellschaftliche Veränderung ist ein Ergebnis, zu dem einzelne Maßnahmen nur anteilig beitragen können.
Im zu Beginn genannten Artikel versteht Dr. Zielinski Impact dagegen als Antwort auf die Frage, „welche Anteile dieser Veränderungen ohne die eigene Aktivität nicht eingetreten [wären]“. Diese Definition ist formell nach OECD (PDF, Seite 36) richtig, spart aber aus, dass Impacts (also der Plural) als „höher-liegende Effekte [und] längerfristige Veränderungen aufgrund einer Intervention“ (ebenda) verstanden werden. Damit ist die Frage nach dem spezifischen Anteil ausgeklammert. Ob diese Unterscheidung für die Alltagspraxis des Wirkungsmanagements in Organisationen nützlich ist, verdient einen eigenen Artikel (an dem wir bereits arbeiten).
Kursbuch Wirkung
Vorher planen, was hinterher passiert: Projektziele effektiver erreichen
Und nun?
Die Wirkungstreppe bleibt ein nützliches Werkzeug, um Konzepte wie Outcomes und Impacts zu unterscheiden, auch wenn nicht alle Aspekte explizit benannt sind. In der Praxis – unserer wie der unserer Partner*innen – entwickelt sich ihre Anwendung stetig weiter.
Insbesondere für Organisationen mit Erfahrung in der Wirkungsorientierung, die sich weiterentwickeln wollen, ist die oben beschriebene (noch) flexiblere Leseart der Wirkungstreppe wichtig. Sie ermöglicht es, Wirkung als vielschichtigen, oft kollektiven Prozess begreifen, der teils zuschreibbar, teils aber nur als Beitrag erfassbar ist.
Ihr Ansprechpartner
Jonas Fathy ✭ jonas.fathy@phineo.org ✭ +49 30 520 065 113