Interview mit Caroline Wetzke, Famtastisch Stiftung
Ernährung als Systemfrage: „Das Bild der mündigen Verbraucher*innen greift zu kurz“
Wie können wir unser Ernährungssystem so verändern, dass es Gesundheit, Umwelt und soziale Gerechtigkeit zugleich stärkt? Und welche Rolle spielen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft dabei? Caroline Wetzke, Geschäftsführerin der Famtastisch Stiftung, spricht über zentrale Herausforderungen, notwendige Paradigmenwechsel und Ansätze, die Ernährung neu denken.
Caroline Wetzke arbeitet seit 2021 bei der Famtastisch Stiftung und bringt langjährige Erfahrung aus der Zivilgesellschaft mit. Ihr beruflicher Fokus liegt auf der Weiterentwicklung philanthropischer Ansätze und der Frage, wie Förderstrukturen wirkungsorientierter gestaltet werden können. Das Thema Ernährung ist aus ihrer Perspektive ein gesellschaftlich relevantes Handlungsfeld mit großen Hebeln für Gesundheit, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit.
Caroline, wo siehst du die größten Herausforderungen im Themenfeld Ernährung?
In der Öffentlichkeit werden zu Ernährung häufig Kulturkämpfe geführt. Es geht mehr um eine Verzichtsdebatte als um eine Genussdebatte, und Ernährung wird als grünes Nischenthema wahrgenommen. Dabei ist so viel mehr betroffen – vor allem unser Gesundheitssystem und unsere Wirtschaft.
Gleichzeitig sehe ich ein ausgeprägtes Silodenken. Ernährung ist ein klassisches Querschnittsthema, wird aber selten so behandelt. Unterschiedliche Politikfelder und Akteursgruppen arbeiten nebeneinander statt gemeinsam an Lösungen. Kollaboration bleibt die Ausnahme, obwohl sie Voraussetzung für wirksame Veränderung ist.
Hinzu kommen strukturelle Rahmenbedingungen, die Veränderung erschweren. Eine hohe Marktkonzentration im Einzelhandel prägt Angebot, Preise und damit Konsumentscheidungen stark. Gleichzeitig wird Verantwortung häufig auf die Verbraucher*innen verlagert.
Auch politisch stoßen wir an Grenzen. Viele Maßnahmen bleiben vage oder werden nicht umgesetzt, und zentrale Instrumente wie Agrarsubventionen sind häufig nicht zukunftsgerichtet ausgestaltet. Zudem bildet der Preis von Lebensmitteln ökologische und soziale Kosten kaum ab – Konsum und Produktion sind dadurch weitgehend entkoppelt.
All diese Herausforderungen sind bekannt, aber bislang gelingt es nicht, dieses Wissen in konsequentes Handeln und tragfähige Strukturen zu übersetzen.
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Wie können wir diesen Herausforderungen begegnen?
Es braucht grundlegende Paradigmenwechsel. Das beginnt damit, wie wir auf Ernährung schauen: weg vom Verzichtsnarrativ und mehr Aufmerksamkeit auf Qualität statt bloßer Menge.
Damit eng verbunden ist auch ein anderes Verständnis von Verantwortung. Das Bild der „mündigen Verbraucher*innen“ greift zu kurz, denn Konsumentscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir die Ernährungsumgebung verändern – also das, was verfügbar ist, wie Preise gesetzt werden und was überhaupt angeboten wird.
Gleichzeitig braucht es einen Wandel in der Landwirtschaft. Nachhaltigkeit allein reicht als Ziel nicht mehr aus; entscheidend ist, Systeme zu stärken, die Böden aufbauen, Biodiversität fördern und Ressourcen erhalten oder sogar erhöhen.
All das lässt sich jedoch nicht isoliert erreichen. Es braucht eine sektorübergreifende Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Strukturen wie Ernährungsräte und Bürgerräte sollten dabei institutionell verankert sein. Und nicht zuletzt brauchen Konsument*innen echte Gestaltungsmöglichkeiten vor Ort – in ihren eigenen Ernährungssystemen.
Ein erheblicher Teil der Erkrankungen in Deutschland steht im Zusammenhang mit ungesunder Ernährung.
Caroline Wetzke
Wie sieht ein ideales Ernährungssystem für dich aus?
Für mich ist das ein System, das Menschen und den Planeten nährt, statt ihnen zu schaden. Es muss demokratisch, kollaborativ und partizipativ gestaltet sein, weil Ernährung jeden betrifft. Dafür braucht es politische Unterstützung.
Konkret kann das zum Beispiel heißen: eine Landwirtschaft, die Menschen und Planeten regeneriert statt ausbeutet; Lebensmittelpreise, die eine gesunde Ernährung für alle erleichtern und gleichzeitig ökologische und soziale Kosten abbilden und Gemeinschaftsorte wie Kitas, Krankenhäuser oder auch Unternehmensmensen, die täglich Millionen Menschen wirklich „nähren“ könnten.
Wie ist in Deutschland die Lage in Bezug auf Ernährung, Gesundheit und Klima?
Ernährung ist ein zentraler Faktor für die Gesundheit. Ein erheblicher Teil der Erkrankungen in Deutschland steht im Zusammenhang mit ungesunder Ernährung. Würde es gelingen, auch nur einen Teil dieser ernährungsbedingten Risiken zu reduzieren, ließe sich nicht nur individuelles Leid vermeiden. Gleichzeitig würden spürbare finanzielle und personelle Ressourcen im Gesundheitssystem frei.
Dieser Zusammenhang ist jedoch nicht isoliert zu betrachten. Forschungsergebnisse zeigen seit Langem, dass sozialer Status, Gesundheit und Lebenserwartung eng miteinander verknüpft sind. Ernährungsgewohnheiten sind dabei ein wichtiger Baustein: Sie tragen dazu bei, gesundheitliche Ungleichheiten zu verstärken oder – im besseren Fall – abzubauen.
Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass Gesundheit in Deutschland zunehmend zum politischen Hebel wird, etwa in Debatten um eine Zuckersteuer. Dennoch bleibt der Fokus häufig auf individueller Verantwortung liegen. Strukturelle Rahmenbedingungen, die gesundheitsfördernde Entscheidungen erleichtern oder überhaupt erst ermöglichen, geraten demgegenüber oft in den Hintergrund.
Gleichzeitig darf die ökologische Dimension nicht ausgeblendet werden. Unser Ernährungssystem verursacht knapp 30 % der globalen Treibhausgasemissionen, verbraucht rund 70 % des Süßwassers und trägt maßgeblich zum Verlust von Biodiversität bei. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Ohne eine grundlegende Transformation des Ernährungssystems schwinden die Chancen, sowohl menschliche als auch planetare Gesundheit langfristig zu sichern.
Welche Lösungsansätze sind besonders erfolgversprechend?
Erfolgreich sind für mich Ansätze, die Verhaltensänderung und systemische Veränderung zusammendenken. Bildungsarbeit allein reicht nicht – sie wirkt besonders dann, wenn sie mit konkreten Rahmenbedingungen verknüpft ist, etwa einer Schulmensa mit gesundem Angebot.
Deshalb sind Netzwerke und Allianzen wichtig. Einzelkämpfertum funktioniert hier kaum. Gleichzeitig braucht es vertrauensvolle Räume für Austausch: Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen, ohne dass Debatten sofort eskalieren – etwa im Dialog zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft.
Was nützt ein Lebensmittel, das gesund für den Menschen ist, dabei aber Böden auslaugt, Wasser verschwendet oder Artenvielfalt zerstört?
Caroline Wetzke
Welche Lücken könnten zivilgesellschaftliche Organisationen schließen?
Es fehlt an Akteur*innen, die stärker Übersetzungsarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Politik leisten und die richtigen Personen zum passenden Zeitpunkt mit den richtigen Inhalten zusammenbringen. Zugleich fehlen positive Narrative: Landwirt*innen werden zu selten als Teil der Lösung sichtbar, und Ernährung wird kaum als das erzählt, was sie auch ist – ein Gewinn an Genuss und Lebensqualität.
Wo gibt es im Bereich Ernährung noch Lücken in der Forschung?
Es ist weniger ein Wissensproblem, sondern vielmehr ein Umsetzungsproblem. Was fehlt, ist vor allem ein neuer Bewertungsmaßstab für Ernährung – einer, der menschliche und planetare Gesundheit zusammendenkt, statt sie getrennt zu betrachten. Denn was nützt ein Lebensmittel, das gesund für den Menschen ist, dabei aber Böden auslaugt, Wasser verschwendet oder Artenvielfalt zerstört? Und umgekehrt: Welchen Wert hat ein nachhaltiges Produkt, das der menschlichen Gesundheit schadet? Es braucht daher Systeme, Strukturen und eine gemeinsame Sprache, die diese Zusammenhänge herstellen und sichtbar machen.
Gibt es positive Entwicklungen in der Forschungspraxis?
Ja, erste Initiativen verzahnen Forschung stärker mit der Praxis. Ziel ist, Forschung nicht im „Elfenbeinturm“ zu betreiben, sondern zum Beispiel gemeinsam mit landwirtschaftlicher Praxis zu entwickeln – damit Ergebnisse auch umgesetzt werden können.
Es entstehen zudem erste langfristig angelegte, gut finanzierte Forschungsverbünde. Diese Form der kollaborativen, praxisnahen Forschung nimmt gerade deutlich zu.
Vielen Dank für das Gespräch!