Inter­view mit Caro­li­ne Wetz­ke, Fam­tas­tisch Stiftung

Ernäh­rung als Sys­tem­fra­ge: Das Bild der mün­di­gen Verbraucher*innen greift zu kurz“

PHINEO-Redaktion,
07.09.2026

Wie kön­nen wir unser Ernäh­rungs­sys­te­m so ver­än­dern, dass es Gesund­heit, Umwelt und sozia­le Gerech­tig­keit zugleich stärkt? Und wel­che Rol­le spie­len Poli­tik, Wirt­schaft und Zivil­ge­sell­schaft dabei? Caro­li­ne Wetz­ke, Geschäfts­füh­re­rin der Fam­tas­tisch Stif­tung, spricht über zen­tra­le Her­aus­for­de­run­gen, not­wen­di­ge Para­dig­men­wech­sel und Ansät­ze, die Ernäh­rung neu denken.

Caro­li­ne Wetz­ke arbei­tet seit 2021 bei der Fam­tas­tisch Stif­tung und bringt lang­jäh­ri­ge Erfah­rung aus der Zivil­ge­sell­schaft mit. Ihr beruf­li­cher Fokus liegt auf der Wei­ter­ent­wick­lung phil­an­thro­pi­scher Ansät­ze und der Fra­ge, wie För­der­struk­tu­ren wir­kungs­ori­en­tier­ter gestal­tet wer­den kön­nen. Das The­ma Ernäh­rung ist aus ihrer Per­spek­ti­ve ein gesell­schaft­lich rele­van­tes Hand­lungs­feld mit gro­ßen Hebeln für Gesund­heit, öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit und sozia­le Gerechtigkeit.

Caro­li­ne, wo siehst du die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen im The­men­feld Ernährung?

In der Öffent­lich­keit wer­den zu Ernäh­rung häu­fig Kul­tur­kämp­fe geführt. Es geht mehr um eine Ver­zichts­de­bat­te als um eine Genuss­de­bat­te, und Ernäh­rung wird als grü­nes Nischen­the­ma wahr­ge­nom­men. Dabei ist so viel mehr betrof­fen – vor allem unser Gesund­heits­sys­tem und unse­re Wirtschaft. 

Gleich­zei­tig sehe ich ein aus­ge­präg­tes Silo­den­ken. Ernäh­rung ist ein klas­si­sches Quer­schnitts­the­ma, wird aber sel­ten so behan­delt. Unter­schied­li­che Poli­tik­fel­der und Akteurs­grup­pen arbei­ten neben­ein­an­der statt gemein­sam an Lösun­gen. Kol­la­bo­ra­ti­on bleibt die Aus­nah­me, obwohl sie Vor­aus­set­zung für wirk­sa­me Ver­än­de­rung ist.

Hin­zu kom­men struk­tu­rel­le Rah­men­be­din­gun­gen, die Ver­än­de­rung erschwe­ren. Eine hohe Markt­kon­zen­tra­ti­on im Ein­zel­han­del prägt Ange­bot, Prei­se und damit Kon­sum­entschei­dun­gen stark. Gleich­zei­tig wird Ver­ant­wor­tung häu­fig auf die Verbraucher*innen verlagert. 

Auch poli­tisch sto­ßen wir an Gren­zen. Vie­le Maß­nah­men blei­ben vage oder wer­den nicht umge­setzt, und zen­tra­le Instru­men­te wie Agrar­sub­ven­tio­nen sind häu­fig nicht zukunfts­ge­rich­tet aus­ge­stal­tet. Zudem bil­det der Preis von Lebens­mit­teln öko­lo­gi­sche und sozia­le Kos­ten kaum ab – Kon­sum und Pro­duk­ti­on sind dadurch weit­ge­hend entkoppelt.

All die­se Her­aus­for­de­run­gen sind bekannt, aber bis­lang gelingt es nicht, die­ses Wis­sen in kon­se­quen­tes Han­deln und trag­fä­hi­ge Struk­tu­ren zu übersetzen.

Wie kön­nen wir die­sen Her­aus­for­de­run­gen begegnen?

Es braucht grund­le­gen­de Para­dig­men­wech­sel. Das beginnt damit, wie wir auf Ernäh­rung schau­en: weg vom Ver­zichts­nar­ra­tiv und mehr Auf­merk­sam­keit auf Qua­li­tät statt blo­ßer Menge. 

Damit eng ver­bun­den ist auch ein ande­res Ver­ständ­nis von Ver­ant­wor­tung. Das Bild der mün­di­gen Verbraucher*innen“ greift zu kurz, denn Kon­sum­entschei­dun­gen ent­ste­hen nicht im luft­lee­ren Raum. Wenn wir etwas ver­än­dern wol­len, müs­sen wir die Ernäh­rungs­um­ge­bung ver­än­dern – also das, was ver­füg­bar ist, wie Prei­se gesetzt wer­den und was über­haupt ange­bo­ten wird.

Gleich­zei­tig braucht es einen Wan­del in der Land­wirt­schaft. Nach­hal­tig­keit allein reicht als Ziel nicht mehr aus; ent­schei­dend ist, Sys­te­me zu stär­ken, die Böden auf­bau­en, Bio­di­ver­si­tät för­dern und Res­sour­cen erhal­ten oder sogar erhöhen.

All das lässt sich jedoch nicht iso­liert errei­chen. Es braucht eine sek­tor­über­grei­fen­de Zusam­men­ar­beit zwi­schen Zivil­ge­sell­schaft, Poli­tik, Wirt­schaft und Wis­sen­schaft. Struk­tu­ren wie Ernäh­rungs­rä­te und Bür­ger­rä­te soll­ten dabei insti­tu­tio­nell ver­an­kert sein. Und nicht zuletzt brau­chen Konsument*innen ech­te Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten vor Ort – in ihren eige­nen Ernährungssystemen. 

Ein erheb­li­cher Teil der Erkran­kun­gen in Deutsch­land steht im Zusam­men­hang mit unge­sun­der Ernährung.

Caro­li­ne Wetzke

Wie sieht ein idea­les Ernäh­rungs­sys­tem für dich aus?

Für mich ist das ein Sys­tem, das Men­schen und den Pla­ne­ten nährt, statt ihnen zu scha­den. Es muss demo­kra­tisch, kol­la­bo­ra­tiv und par­ti­zi­pa­tiv gestal­tet sein, weil Ernäh­rung jeden betrifft. Dafür braucht es poli­ti­sche Unterstützung. 

Kon­kret kann das zum Bei­spiel hei­ßen: eine Land­wirt­schaft, die Men­schen und Pla­ne­ten rege­ne­riert statt aus­beu­tet; Lebens­mit­tel­prei­se, die eine gesun­de Ernäh­rung für alle erleich­tern und gleich­zei­tig öko­lo­gi­sche und sozia­le Kos­ten abbil­den und Gemein­schafts­or­te wie Kitas, Kran­ken­häu­ser oder auch Unter­neh­mens­men­sen, die täg­lich Mil­lio­nen Men­schen wirk­lich näh­ren“ könnten. 

Wie ist in Deutsch­land die Lage in Bezug auf Ernäh­rung, Gesund­heit und Klima?

Ernäh­rung ist ein zen­tra­ler Fak­tor für die Gesund­heit. Ein erheb­li­cher Teil der Erkran­kun­gen in Deutsch­land steht im Zusam­men­hang mit unge­sun­der Ernäh­rung. Wür­de es gelin­gen, auch nur einen Teil die­ser ernäh­rungs­be­ding­ten Risi­ken zu redu­zie­ren, lie­ße sich nicht nur indi­vi­du­el­les Leid ver­mei­den. Gleich­zei­tig wür­den spür­ba­re finan­zi­el­le und per­so­nel­le Res­sour­cen im Gesund­heits­sys­tem frei.

Die­ser Zusam­men­hang ist jedoch nicht iso­liert zu betrach­ten. For­schungs­er­geb­nis­se zei­gen seit Lan­gem, dass sozia­ler Sta­tus, Gesund­heit und Lebens­er­war­tung eng mit­ein­an­der ver­knüpft sind. Ernäh­rungs­ge­wohn­hei­ten sind dabei ein wich­ti­ger Bau­stein: Sie tra­gen dazu bei, gesund­heit­li­che Ungleich­hei­ten zu ver­stär­ken oder – im bes­se­ren Fall – abzubauen.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist bemer­kens­wert, dass Gesund­heit in Deutsch­land zuneh­mend zum poli­ti­schen Hebel wird, etwa in Debat­ten um eine Zucker­steu­er. Den­noch bleibt der Fokus häu­fig auf indi­vi­du­el­ler Ver­ant­wor­tung lie­gen. Struk­tu­rel­le Rah­men­be­din­gun­gen, die gesund­heits­för­dern­de Ent­schei­dun­gen erleich­tern oder über­haupt erst ermög­li­chen, gera­ten dem­ge­gen­über oft in den Hintergrund.

Gleich­zei­tig darf die öko­lo­gi­sche Dimen­si­on nicht aus­ge­blen­det wer­den. Unser Ernäh­rungs­sys­tem ver­ur­sacht knapp 30 % der glo­ba­len Treib­haus­gas­emis­sio­nen, ver­braucht rund 70 % des Süß­was­sers und trägt maß­geb­lich zum Ver­lust von Bio­di­ver­si­tät bei. Vor die­sem Hin­ter­grund wird deut­lich: Ohne eine grund­le­gen­de Trans­for­ma­ti­on des Ernäh­rungs­sys­tems schwin­den die Chan­cen, sowohl mensch­li­che als auch pla­ne­ta­re Gesund­heit lang­fris­tig zu sichern.

Wel­che Lösungs­an­sät­ze sind beson­ders erfolgversprechend?

 Erfolg­reich sind für mich Ansät­ze, die Ver­hal­tens­än­de­rung und sys­te­mi­sche Ver­än­de­rung zusam­men­den­ken. Bil­dungs­ar­beit allein reicht nicht – sie wirkt beson­ders dann, wenn sie mit kon­kre­ten Rah­men­be­din­gun­gen ver­knüpft ist, etwa einer Schul­men­sa mit gesun­dem Angebot.

Des­halb sind Netz­wer­ke und Alli­an­zen wich­tig. Ein­zel­kämp­fer­tum funk­tio­niert hier kaum. Gleich­zei­tig braucht es ver­trau­ens­vol­le Räu­me für Aus­tausch: Räu­me, in denen unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven zusam­men­kom­men, ohne dass Debat­ten sofort eska­lie­ren – etwa im Dia­log zwi­schen kon­ven­tio­nel­ler und öko­lo­gi­scher Landwirtschaft.

Was nützt ein Lebens­mit­tel, das gesund für den Men­schen ist, dabei aber Böden aus­laugt, Was­ser ver­schwen­det oder Arten­viel­falt zerstört?

Caro­li­ne Wetzke

Wel­che Lücken könn­ten zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen schließen?

Es fehlt an Akteur*innen, die stär­ker Über­set­zungs­ar­beit zwi­schen Zivil­ge­sell­schaft und Poli­tik leis­ten und die rich­ti­gen Per­so­nen zum pas­sen­den Zeit­punkt mit den rich­ti­gen Inhal­ten zusam­men­brin­gen. Zugleich feh­len posi­ti­ve Nar­ra­ti­ve: Landwirt*innen wer­den zu sel­ten als Teil der Lösung sicht­bar, und Ernäh­rung wird kaum als das erzählt, was sie auch ist – ein Gewinn an Genuss und Lebensqualität.

Wo gibt es im Bereich Ernäh­rung noch Lücken in der Forschung?

Es ist weni­ger ein Wis­sens­pro­blem, son­dern viel­mehr ein Umset­zungs­pro­blem. Was fehlt, ist vor allem ein neu­er Bewer­tungs­maß­stab für Ernäh­rung – einer, der mensch­li­che und pla­ne­ta­re Gesund­heit zusam­men­denkt, statt sie getrennt zu betrach­ten. Denn was nützt ein Lebens­mit­tel, das gesund für den Men­schen ist, dabei aber Böden aus­laugt, Was­ser ver­schwen­det oder Arten­viel­falt zer­stört? Und umge­kehrt: Wel­chen Wert hat ein nach­hal­ti­ges Pro­dukt, das der mensch­li­chen Gesund­heit scha­det? Es braucht daher Sys­te­me, Struk­tu­ren und eine gemein­sa­me Spra­che, die die­se Zusam­men­hän­ge her­stel­len und sicht­bar machen.

Gibt es posi­ti­ve Ent­wick­lun­gen in der Forschungspraxis?

Ja, ers­te Initia­ti­ven ver­zah­nen For­schung stär­ker mit der Pra­xis. Ziel ist, For­schung nicht im Elfen­bein­turm“ zu betrei­ben, son­dern zum Bei­spiel gemein­sam mit land­wirt­schaft­li­cher Pra­xis zu ent­wi­ckeln – damit Ergeb­nis­se auch umge­setzt wer­den können.

Es ent­ste­hen zudem ers­te lang­fris­tig ange­leg­te, gut finan­zier­te For­schungs­ver­bün­de. Die­se Form der kol­la­bo­ra­ti­ven, pra­xis­na­hen For­schung nimmt gera­de deut­lich zu.

Vie­len Dank für das Gespräch!