Interview mit Fabio Volkmann, Climate Farmers & EARA
„Politik, Wissenschaft und Landwirtschaft arbeiten zu oft nebeneinander“: Über die Zukunft unserer Ernährung
Ein großer Teil von Fabio Volkmanns Arbeit besteht darin, Brücken zwischen Landwirtschaft, Forschung, Politik und Zivilgesellschaft zu bauen. Im Interview spricht er über die Fragmentierung in unserem Ernährungssystem, die Bedeutung regionaler Wertschöpfungsketten und darüber, warum wir weg von kurzfristiger Effizienz hin zu langfristiger Resilienz müssen.
Fabio Volkmann arbeitet an der Schnittstelle von Landwirtschaft, Forschung, Politik und Zivilgesellschaft. Für die gemeinnützige Organisation Climate Farmers und die Europäische Allianz für regenerative Landwirtschaft (EARA) begleitet er Projekte zur Transformation des Landwirtschafts- und Ernährungssystems.
Fabio, womit beschäftigst du dich genau bei deiner Arbeit?
Ich arbeite seit sieben Jahren im Landwirtschafts- und Ernährungssektor. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, Brücken zwischen Wissenschaft, Universitäten, Landwirt*innen und Politik zu bauen. Das passiert unter anderem über EU-geförderte Forschungsprojekte, die Forschung stärker in die Praxis bringen sollen.
Ich arbeite für Climate Farmers und die Europäische Allianz für regenerative Landwirtschaft (EARA). Climate Farmers unterstützt Landwirt*innen bei der Umstellung auf regenerative Landwirtschaft durch Bildung, Training und Wissen. EARA vertritt regenerative Landwirt*innen auf europäischer Ebene und begleitet politische Transformationsprozesse.
Uns beschäftigt die Frage, wie Landwirtschaft nicht nur ökologisch regenerativ, sondern auch wirtschaftlich tragfähig und gesellschaftlich wertvoll sein kann. Dabei schauen wir immer auf das gesamte System. Landwirtschaft ist für uns ein zentraler Teil der Ernährungswende. Es geht nicht nur darum, was am Ende auf dem Teller liegt. Wir betrachten das Ernährungssystem als Ganzes – von gesunden Böden über Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel bis hin zu Gesundheit, Klima und Biodiversität. All diese Bereiche beeinflussen sich gegenseitig.
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Aus welchen Bestandteilen besteht die Wertschöpfungskette des Ernährungssystems?
Im Kern beginnt es natürlich mit der Landwirtschaft. Hinzu kommen Verarbeitung, Handel, Logistik und Konsument*innen. Gleichzeitig gehören aber auch Wissenschaft, Beratung, Politik, Finanzinstitutionen sowie Mess- und Zertifizierungssysteme dazu, weil sie maßgeblich beeinflussen, wie sich das Ernährungssystem entwickelt.
Die größten Hebel sehen wir derzeit in der Politik, aber auch bei Finanzinstitutionen und großen Handelsunternehmen. Sie entscheiden mit darüber, welche Formen der Landwirtschaft finanziert, belohnt und langfristig wirtschaftlich tragfähig werden.
Dazu kommen große Verarbeiter und internationale Lieferkettenakteure, die das System ebenfalls stark prägen und auch politischen Einfluss ausüben. Einschließlich Supermärkte, sie entscheiden, was in den Regalen landet, was verkauft wird und wie Konsument*innen mit Lebensmitteln in Kontakt kommen.
Langfristig wünsche ich mir stärkere regionale Beziehungen zwischen Erzeugung, Verarbeitung und Konsum. Gleichzeitig werden globale Handelsstrukturen bestehen bleiben. Die Herausforderung besteht deshalb darin, beide Systeme resilienter und regenerativer zu gestalten.
Wir müssen Landwirtschaft stärker als Teil der Lösung sehen – für Klima, Biodiversität und gesellschaftliche Herausforderungen.
Fabio Volkmann
Manche Expert*innen bezweifeln, dass regionale Wertschöpfungsketten automatisch nachhaltiger sind. Wie siehst du das?
Das hängt stark vom jeweiligen Kontext ab. Es kann durchaus Situationen geben, in denen regionale Strukturen nicht automatisch ökologischer sind.
Langfristig bin ich aber überzeugt, dass regionale und regenerative Wertschöpfungsketten ökologische, soziale und wirtschaftliche Vorteile miteinander verbinden können.
Wir haben dazu Untersuchungen durchgeführt und sehen, dass regenerative Betriebe nicht nur positive ökologische Effekte erzielen können, sondern häufig auch wirtschaftlich tragfähig sind. Entscheidend ist dabei die Perspektive. Unser heutiges System ist sehr stark auf kurzfristige Effizienz ausgerichtet. Aus meiner Sicht müssen wir deutlich stärker auf langfristige Resilienz schauen.
Welche Paradigmenwechsel braucht es für den Wandel unseres Ernährungssystems?
Für mich ist einer der wichtigsten Paradigmenwechsel der Schritt von kurzfristigem Ertragsdenken hin zu langfristiger Resilienz. Das betrifft auch die Agrarförderung. Momentan wird vor allem Fläche gefördert. Aus meiner Sicht sollten wir stärker Leistungen honorieren, die einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen – etwa gesunde Böden, Biodiversität oder andere Ökosystemleistungen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Art, wie wir zusammenarbeiten. Wir verbringen nach wie vor viel Energie damit, Landwirtschaft in einzelne Kategorien einzuteilen: konventionell, ökologisch, regenerativ. Dabei sollten wir viel stärker auf das schauen, was uns verbindet, und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Dazu gehört auch, Landwirtschaft nicht länger vor allem als Problem zu betrachten. Wir müssen sie stärker als Teil der Lösung sehen – für Klima, für Biodiversität und auch für gesellschaftliche Herausforderungen.
Ein weiterer Paradigmenwechsel betrifft die Rolle der Landwirt*innen selbst. Sie sollten nicht nur diejenigen sein, die Lebensmittel produzieren. Sie müssen stärker in Entscheidungsprozesse eingebunden werden und als Wissens- und Innovationsträger*innen wahrgenommen werden.
Und schließlich ist auch Bildung zentral. Landwirtschaft und Ernährung sollten deutlich stärker in Schulen, Universitäten und Ausbildungsprogrammen verankert werden.
Welche Herausforderungen stehen dem Wandel unseres Ernährungssystems im Weg?
Eine große Herausforderung sind die wirtschaftlichen Interessen innerhalb des bestehenden Systems. Viele Entscheidungen werden nach wie vor von Akteur*innen geprägt, die stark von den heutigen Strukturen profitieren.
Dazu kommen ganz praktische Probleme. Viele landwirtschaftliche Betriebe kämpfen mit ihrer Wirtschaftlichkeit. Gleichzeitig werden Betriebe größer, während kleinere Höfe verschwinden. Auch der Zugang zu Land wird zunehmend schwieriger.
Wir erleben außerdem einen Generationenwechsel. Viele Menschen gehen aus der Landwirtschaft heraus, gleichzeitig fehlen oft Nachfolger*innen.
Für mich ist das eigentliche Kernproblem aber die Fragmentierung. Politik, Wissenschaft, Landwirtschaft, Wirtschaft und Lieferketten arbeiten häufig nebeneinander statt miteinander.
Es gibt bereits viel Wissen, viele Projekte und viele gute Ideen. Trotzdem hat man oft das Gefühl, dass alle versuchen, das Rad neu zu erfinden. Es fehlen Verbindungen, Koordination und Orte, an denen die unterschiedlichen Perspektiven wirklich zusammenkommen.
Aus meiner Sicht funktioniert vor allem eines: Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen und Vertrauen zwischen ihnen aufzubauen.
Fabio Volkmann
Was konkret meinst du mit Fragmentierung?
Fragmentierung bedeutet für mich vor allem, dass Verbindungen fehlen. Politik, Wissenschaft, Landwirtschaft und Lieferketten verfolgen oft ähnliche Ziele. Trotzdem sprechen sie nicht ausreichend miteinander. Jede Gruppe arbeitet an ihrer eigenen Lösung.
Dadurch entsteht viel Doppelarbeit und viel Energie geht verloren. Aus meiner Sicht liegt ein großer Hebel darin, diese Verbindungen wieder aufzubauen und unterschiedliche Akteure stärker zusammenzubringen.
Welche Ansätze funktionieren für ein nachhaltigeres Ernährungssystem besonders gut?
Aus meiner Sicht funktioniert vor allem eines: Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen und Vertrauen zwischen ihnen aufzubauen.
Wir haben in den letzten Jahren immer wieder erlebt, welche Wirkung entsteht, wenn Menschen auf landwirtschaftlichen Betrieben zusammenkommen. Dort wird plötzlich sichtbar, wo die Transformation eigentlich beginnt und welche Herausforderungen tatsächlich bestehen.
Ein weiterer wichtiger Hebel ist Kommunikation. Landwirtschaft wird oft vor allem mit Problemen verbunden. Gleichzeitig gibt es viele Betriebe, die spannende Lösungen entwickeln. Diese Geschichten sichtbarer zu machen, kann unglaublich viel bewirken.
Sehr gute Erfahrungen haben wir auch damit gemacht, Landwirt*innen stärker in Bildungs- und Forschungsprozesse einzubinden. Wenn Forschung und Praxis gemeinsam arbeiten, entstehen oft deutlich bessere Ergebnisse.
Außerdem sehen wir großes Potenzial darin, Ökosystemleistungen stärker zu honorieren. Das kann Betrieben die Sicherheit geben, neue Wege zu gehen, und Entwicklungen beschleunigen, die ökologisch sinnvoll und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sind.
Wie offen sind Landwirt*innen für regenerative Landwirtschaft?
Entscheidend ist, dass man nicht mit fertigen Lösungen auf Landwirt*innen zugeht. Wir versuchen zuerst zu verstehen, wie ihre Realität aussieht und welche Herausforderungen sie beschäftigen. Gemeinsam suchen wir dann nach Wegen, die für den jeweiligen Betrieb funktionieren.
Natürlich gibt es Vorbehalte. Viele bezweifeln, dass regenerative Landwirtschaft auf großer Fläche wirtschaftlich funktioniert. Das Narrativ, dass nur immer größere Betriebe, Monokulturen und ein hoher Einsatz von Betriebsmitteln die Welt ernähren können, ist nach wie vor sehr präsent.
Gleichzeitig erleben wir aber, dass viele Landwirt*innen selbst merken, dass bestimmte Modelle an Grenzen stoßen. Klimawandel, geopolitische Krisen und wirtschaftlicher Druck führen dazu, dass viele Betriebe offen für neue Wege geworden sind.
Meine Vision sind regionale Wertschöpfungsketten mit wirtschaftlich tragfähigen Betrieben und gesunden Lebensmitteln für alle Menschen.
Fabio Volkmann
Welche Erfahrungen machst du in der Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung?
Grundsätzlich besteht Offenheit. Viele Menschen in Politik und Verwaltung möchten den Austausch mit Landwirt*innen und anderen Praxisakteuren stärken.
Gleichzeitig erleben wir aber auch viele Brüche zwischen verschiedenen Institutionen und Zuständigkeiten. Oft laufen Projekte, Förderprogramme und politische Prozesse nebeneinander, obwohl sie eigentlich eng zusammenhängen.
Das sieht man auf europäischer Ebene genauso wie auf nationaler Ebene. Häufig fehlt die Verbindung zwischen den verschiedenen Bereichen.
Ein Teil unserer Arbeit besteht deshalb darin, Menschen an einen Tisch zu bringen. Landwirt*innen, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Manchmal sagen wir scherzhaft, dass wir vor allem eins machen: Wir weben. Wir versuchen, die Fäden im System miteinander zu verbinden.
Somit sehen wir uns und ich mich selbst nicht als klassische Projektmanager*innen, sondern als Brückenbauer*innen und Koordinator*innen zwischen den unterschiedlichen Perspektiven.
Wie sieht deine Vision für ein gelungenes Landwirtschafts- und Ernährungssystem aus?
Meine Vision sind regionale Wertschöpfungsketten mit wirtschaftlich tragfähigen Betrieben und gesunden Lebensmitteln für alle Menschen.
Ich wünsche mir, dass Böden als gesellschaftlich relevante Infrastruktur verstanden werden und öffentliche Gelder stärker dort eingesetzt werden, wo gesellschaftlicher Nutzen entsteht.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die weniger Fleisch konsumiert und sich stärker saisonal, regional und ökologisch orientiert ernährt. Landwirtschaft sollte wieder ein attraktiver Beruf sein.
Und vor allem wünsche ich mir mehr Verbindung zwischen den Menschen. Weniger Fragmentierung und mehr Zusammenarbeit. Dass Landwirtschaft, Ernährung, Klima und Gesundheit als Teile eines gemeinsamen Systems gedacht werden.
Am Ende wünsche ich mir ein Ernährungssystem, das gesunde Böden, gesunde Menschen und lebendige ländliche Räume gleichermaßen stärkt – und in dem Landwirtschaft wieder als Teil der Lösung verstanden wird.