Inter­view mit Fabio Volk­mann, Cli­ma­te Far­mers & EARA

Poli­tik, Wis­sen­schaft und Land­wirt­schaft arbei­ten zu oft neben­ein­an­der“: Über die Zukunft unse­rer Ernährung

PHINEO-Redaktion,
07.09.2026

Ein gro­ßer Teil von Fabio Volk­manns Arbeit besteht dar­in, Brü­cken zwi­schen Land­wirt­schaft, For­schung, Poli­tik und Zivil­ge­sell­schaft zu bau­en. Im Inter­view spricht er über die Frag­men­tie­rung in unse­rem Ernäh­rungs­sys­tem, die Bedeu­tung regio­na­ler Wert­schöp­fungs­ket­ten und dar­über, war­um wir weg von kurz­fris­ti­ger Effi­zi­enz hin zu lang­fris­ti­ger Resi­li­enz müssen.

Fabio Volk­mann arbei­tet an der Schnitt­stel­le von Land­wirt­schaft, For­schung, Poli­tik und Zivil­ge­sell­schaft. Für die gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­ti­on Cli­ma­te Far­mers und die Euro­päi­sche Alli­anz für rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft (EARA) beglei­tet er Pro­jek­te zur Trans­for­ma­ti­on des Land­wirt­schafts- und Ernährungssystems. 

Fabio, womit beschäf­tigst du dich genau bei dei­ner Arbeit?

Ich arbei­te seit sie­ben Jah­ren im Land­wirt­schafts- und Ernäh­rungs­sek­tor. Ein gro­ßer Teil mei­ner Arbeit besteht dar­in, Brü­cken zwi­schen Wis­sen­schaft, Uni­ver­si­tä­ten, Landwirt*innen und Poli­tik zu bau­en. Das pas­siert unter ande­rem über EU-geför­der­te For­schungs­pro­jek­te, die For­schung stär­ker in die Pra­xis brin­gen sollen.

Ich arbei­te für Cli­ma­te Far­mers und die Euro­päi­sche Alli­anz für rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft (EARA). Cli­ma­te Far­mers unter­stützt Landwirt*innen bei der Umstel­lung auf rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft durch Bil­dung, Trai­ning und Wis­sen. EARA ver­tritt rege­ne­ra­ti­ve Landwirt*innen auf euro­päi­scher Ebe­ne und beglei­tet poli­ti­sche Transformationsprozesse.

Uns beschäf­tigt die Fra­ge, wie Land­wirt­schaft nicht nur öko­lo­gisch rege­ne­ra­tiv, son­dern auch wirt­schaft­lich trag­fä­hig und gesell­schaft­lich wert­voll sein kann. Dabei schau­en wir immer auf das gesam­te Sys­tem. Land­wirt­schaft ist für uns ein zen­tra­ler Teil der Ernäh­rungs­wen­de. Es geht nicht nur dar­um, was am Ende auf dem Tel­ler liegt. Wir betrach­ten das Ernäh­rungs­sys­tem als Gan­zes – von gesun­den Böden über Land­wirt­schaft, Ver­ar­bei­tung und Han­del bis hin zu Gesund­heit, Kli­ma und Bio­di­ver­si­tät. All die­se Berei­che beein­flus­sen sich gegenseitig.

Aus wel­chen Bestand­tei­len besteht die Wert­schöp­fungs­ket­te des Ernährungssystems?

Im Kern beginnt es natür­lich mit der Land­wirt­schaft. Hin­zu kom­men Ver­ar­bei­tung, Han­del, Logis­tik und Konsument*innen. Gleich­zei­tig gehö­ren aber auch Wis­sen­schaft, Bera­tung, Poli­tik, Finanz­in­sti­tu­tio­nen sowie Mess- und Zer­ti­fi­zie­rungs­sys­te­me dazu, weil sie maß­geb­lich beein­flus­sen, wie sich das Ernäh­rungs­sys­tem entwickelt.

Die größ­ten Hebel sehen wir der­zeit in der Poli­tik, aber auch bei Finanz­in­sti­tu­tio­nen und gro­ßen Han­dels­un­ter­neh­men. Sie ent­schei­den mit dar­über, wel­che For­men der Land­wirt­schaft finan­ziert, belohnt und lang­fris­tig wirt­schaft­lich trag­fä­hig werden.

Dazu kom­men gro­ße Ver­ar­bei­ter und inter­na­tio­na­le Lie­fer­ket­ten­ak­teu­re, die das Sys­tem eben­falls stark prä­gen und auch poli­ti­schen Ein­fluss aus­üben. Ein­schließ­lich Super­märk­te, sie ent­schei­den, was in den Rega­len lan­det, was ver­kauft wird und wie Konsument*innen mit Lebens­mit­teln in Kon­takt kommen.

Lang­fris­tig wün­sche ich mir stär­ke­re regio­na­le Bezie­hun­gen zwi­schen Erzeu­gung, Ver­ar­bei­tung und Kon­sum. Gleich­zei­tig wer­den glo­ba­le Han­dels­struk­tu­ren bestehen blei­ben. Die Her­aus­for­de­rung besteht des­halb dar­in, bei­de Sys­te­me resi­li­en­ter und rege­ne­ra­ti­ver zu gestalten.

Wir müs­sen Land­wirt­schaft stär­ker als Teil der Lösung sehen – für Kli­ma, Bio­di­ver­si­tät und gesell­schaft­li­che Herausforderungen.

Fabio Volk­mann

Man­che Expert*innen bezwei­feln, dass regio­na­le Wert­schöp­fungs­ket­ten auto­ma­tisch nach­hal­ti­ger sind. Wie siehst du das?

Das hängt stark vom jewei­li­gen Kon­text ab. Es kann durch­aus Situa­tio­nen geben, in denen regio­na­le Struk­tu­ren nicht auto­ma­tisch öko­lo­gi­scher sind.

Lang­fris­tig bin ich aber über­zeugt, dass regio­na­le und rege­ne­ra­ti­ve Wert­schöp­fungs­ket­ten öko­lo­gi­sche, sozia­le und wirt­schaft­li­che Vor­tei­le mit­ein­an­der ver­bin­den können.

Wir haben dazu Unter­su­chun­gen durch­ge­führt und sehen, dass rege­ne­ra­ti­ve Betrie­be nicht nur posi­ti­ve öko­lo­gi­sche Effek­te erzie­len kön­nen, son­dern häu­fig auch wirt­schaft­lich trag­fä­hig sind. Ent­schei­dend ist dabei die Per­spek­ti­ve. Unser heu­ti­ges Sys­tem ist sehr stark auf kurz­fris­ti­ge Effi­zi­enz aus­ge­rich­tet. Aus mei­ner Sicht müs­sen wir deut­lich stär­ker auf lang­fris­ti­ge Resi­li­enz schauen.

Wel­che Para­dig­men­wech­sel braucht es für den Wan­del unse­res Ernährungssystems?

Für mich ist einer der wich­tigs­ten Para­dig­men­wech­sel der Schritt von kurz­fris­ti­gem Ertrags­den­ken hin zu lang­fris­ti­ger Resi­li­enz. Das betrifft auch die Agrar­för­de­rung. Momen­tan wird vor allem Flä­che geför­dert. Aus mei­ner Sicht soll­ten wir stär­ker Leis­tun­gen hono­rie­ren, die einen gesell­schaft­li­chen Mehr­wert schaf­fen – etwa gesun­de Böden, Bio­di­ver­si­tät oder ande­re Ökosystemleistungen.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Punkt ist die Art, wie wir zusam­men­ar­bei­ten. Wir ver­brin­gen nach wie vor viel Ener­gie damit, Land­wirt­schaft in ein­zel­ne Kate­go­rien ein­zu­tei­len: kon­ven­tio­nell, öko­lo­gisch, rege­ne­ra­tiv. Dabei soll­ten wir viel stär­ker auf das schau­en, was uns ver­bin­det, und gemein­sam nach Lösun­gen suchen.

Dazu gehört auch, Land­wirt­schaft nicht län­ger vor allem als Pro­blem zu betrach­ten. Wir müs­sen sie stär­ker als Teil der Lösung sehen – für Kli­ma, für Bio­di­ver­si­tät und auch für gesell­schaft­li­che Herausforderungen.

Ein wei­te­rer Para­dig­men­wech­sel betrifft die Rol­le der Landwirt*innen selbst. Sie soll­ten nicht nur die­je­ni­gen sein, die Lebens­mit­tel pro­du­zie­ren. Sie müs­sen stär­ker in Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein­ge­bun­den wer­den und als Wis­sens- und Innovationsträger*innen wahr­ge­nom­men werden.

Und schließ­lich ist auch Bil­dung zen­tral. Land­wirt­schaft und Ernäh­rung soll­ten deut­lich stär­ker in Schu­len, Uni­ver­si­tä­ten und Aus­bil­dungs­pro­gram­men ver­an­kert werden.

Wel­che Her­aus­for­de­run­gen ste­hen dem Wan­del unse­res Ernäh­rungs­sys­tems im Weg?

Eine gro­ße Her­aus­for­de­rung sind die wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen inner­halb des bestehen­den Sys­tems. Vie­le Ent­schei­dun­gen wer­den nach wie vor von Akteur*innen geprägt, die stark von den heu­ti­gen Struk­tu­ren profitieren.

Dazu kom­men ganz prak­ti­sche Pro­ble­me. Vie­le land­wirt­schaft­li­che Betrie­be kämp­fen mit ihrer Wirt­schaft­lich­keit. Gleich­zei­tig wer­den Betrie­be grö­ßer, wäh­rend klei­ne­re Höfe ver­schwin­den. Auch der Zugang zu Land wird zuneh­mend schwieriger.

Wir erle­ben außer­dem einen Gene­ra­tio­nen­wech­sel. Vie­le Men­schen gehen aus der Land­wirt­schaft her­aus, gleich­zei­tig feh­len oft Nachfolger*innen.

Für mich ist das eigent­li­che Kern­pro­blem aber die Frag­men­tie­rung. Poli­tik, Wis­sen­schaft, Land­wirt­schaft, Wirt­schaft und Lie­fer­ket­ten arbei­ten häu­fig neben­ein­an­der statt miteinander.

Es gibt bereits viel Wis­sen, vie­le Pro­jek­te und vie­le gute Ideen. Trotz­dem hat man oft das Gefühl, dass alle ver­su­chen, das Rad neu zu erfin­den. Es feh­len Ver­bin­dun­gen, Koor­di­na­ti­on und Orte, an denen die unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven wirk­lich zusammenkommen. 

Aus mei­ner Sicht funk­tio­niert vor allem eines: Men­schen aus unter­schied­li­chen Berei­chen zusam­men­zu­brin­gen und Ver­trau­en zwi­schen ihnen aufzubauen.

Fabio Volk­mann

Was kon­kret meinst du mit Fragmentierung? 

Frag­men­tie­rung bedeu­tet für mich vor allem, dass Ver­bin­dun­gen feh­len. Poli­tik, Wis­sen­schaft, Land­wirt­schaft und Lie­fer­ket­ten ver­fol­gen oft ähn­li­che Zie­le. Trotz­dem spre­chen sie nicht aus­rei­chend mit­ein­an­der. Jede Grup­pe arbei­tet an ihrer eige­nen Lösung.

Dadurch ent­steht viel Dop­pel­ar­beit und viel Ener­gie geht ver­lo­ren. Aus mei­ner Sicht liegt ein gro­ßer Hebel dar­in, die­se Ver­bin­dun­gen wie­der auf­zu­bau­en und unter­schied­li­che Akteu­re stär­ker zusammenzubringen.

Wel­che Ansät­ze funk­tio­nie­ren für ein nach­hal­ti­ge­res Ernäh­rungs­sys­tem beson­ders gut?

Aus mei­ner Sicht funk­tio­niert vor allem eines: Men­schen aus unter­schied­li­chen Berei­chen zusam­men­zu­brin­gen und Ver­trau­en zwi­schen ihnen aufzubauen.

Wir haben in den letz­ten Jah­ren immer wie­der erlebt, wel­che Wir­kung ent­steht, wenn Men­schen auf land­wirt­schaft­li­chen Betrie­ben zusam­men­kom­men. Dort wird plötz­lich sicht­bar, wo die Trans­for­ma­ti­on eigent­lich beginnt und wel­che Her­aus­for­de­run­gen tat­säch­lich bestehen.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Hebel ist Kom­mu­ni­ka­ti­on. Land­wirt­schaft wird oft vor allem mit Pro­ble­men ver­bun­den. Gleich­zei­tig gibt es vie­le Betrie­be, die span­nen­de Lösun­gen ent­wi­ckeln. Die­se Geschich­ten sicht­ba­rer zu machen, kann unglaub­lich viel bewirken.

Sehr gute Erfah­run­gen haben wir auch damit gemacht, Landwirt*innen stär­ker in Bil­dungs- und For­schungs­pro­zes­se ein­zu­bin­den. Wenn For­schung und Pra­xis gemein­sam arbei­ten, ent­ste­hen oft deut­lich bes­se­re Ergebnisse.

Außer­dem sehen wir gro­ßes Poten­zi­al dar­in, Öko­sys­tem­leis­tun­gen stär­ker zu hono­rie­ren. Das kann Betrie­ben die Sicher­heit geben, neue Wege zu gehen, und Ent­wick­lun­gen beschleu­ni­gen, die öko­lo­gisch sinn­voll und gleich­zei­tig wirt­schaft­lich trag­fä­hig sind.

Wie offen sind Landwirt*innen für rege­ne­ra­ti­ve Landwirtschaft?

Ent­schei­dend ist, dass man nicht mit fer­ti­gen Lösun­gen auf Landwirt*innen zugeht. Wir ver­su­chen zuerst zu ver­ste­hen, wie ihre Rea­li­tät aus­sieht und wel­che Her­aus­for­de­run­gen sie beschäf­ti­gen. Gemein­sam suchen wir dann nach Wegen, die für den jewei­li­gen Betrieb funktionieren.

Natür­lich gibt es Vor­be­hal­te. Vie­le bezwei­feln, dass rege­ne­ra­ti­ve Land­wirt­schaft auf gro­ßer Flä­che wirt­schaft­lich funk­tio­niert. Das Nar­ra­tiv, dass nur immer grö­ße­re Betrie­be, Mono­kul­tu­ren und ein hoher Ein­satz von Betriebs­mit­teln die Welt ernäh­ren kön­nen, ist nach wie vor sehr präsent.

Gleich­zei­tig erle­ben wir aber, dass vie­le Landwirt*innen selbst mer­ken, dass bestimm­te Model­le an Gren­zen sto­ßen. Kli­ma­wan­del, geo­po­li­ti­sche Kri­sen und wirt­schaft­li­cher Druck füh­ren dazu, dass vie­le Betrie­be offen für neue Wege gewor­den sind.

Mei­ne Visi­on sind regio­na­le Wert­schöp­fungs­ket­ten mit wirt­schaft­lich trag­fä­hi­gen Betrie­ben und gesun­den Lebens­mit­teln für alle Menschen.

Fabio Volk­mann

Wel­che Erfah­run­gen machst du in der Zusam­men­ar­beit mit Poli­tik und Verwaltung?

Grund­sätz­lich besteht Offen­heit. Vie­le Men­schen in Poli­tik und Ver­wal­tung möch­ten den Aus­tausch mit Landwirt*innen und ande­ren Pra­xis­ak­teu­ren stärken.

Gleich­zei­tig erle­ben wir aber auch vie­le Brü­che zwi­schen ver­schie­de­nen Insti­tu­tio­nen und Zustän­dig­kei­ten. Oft lau­fen Pro­jek­te, För­der­pro­gram­me und poli­ti­sche Pro­zes­se neben­ein­an­der, obwohl sie eigent­lich eng zusammenhängen.

Das sieht man auf euro­päi­scher Ebe­ne genau­so wie auf natio­na­ler Ebe­ne. Häu­fig fehlt die Ver­bin­dung zwi­schen den ver­schie­de­nen Bereichen.

Ein Teil unse­rer Arbeit besteht des­halb dar­in, Men­schen an einen Tisch zu brin­gen. Landwirt*innen, Wis­sen­schaft, Poli­tik und Wirt­schaft. Manch­mal sagen wir scherz­haft, dass wir vor allem eins machen: Wir weben. Wir ver­su­chen, die Fäden im Sys­tem mit­ein­an­der zu verbinden.

Somit sehen wir uns und ich mich selbst nicht als klas­si­sche Projektmanager*innen, son­dern als Brückenbauer*innen und Koordinator*innen zwi­schen den unter­schied­li­chen Perspektiven.

Wie sieht dei­ne Visi­on für ein gelun­ge­nes Land­wirt­schafts- und Ernäh­rungs­sys­tem aus?

Mei­ne Visi­on sind regio­na­le Wert­schöp­fungs­ket­ten mit wirt­schaft­lich trag­fä­hi­gen Betrie­ben und gesun­den Lebens­mit­teln für alle Menschen.

Ich wün­sche mir, dass Böden als gesell­schaft­lich rele­van­te Infra­struk­tur ver­stan­den wer­den und öffent­li­che Gel­der stär­ker dort ein­ge­setzt wer­den, wo gesell­schaft­li­cher Nut­zen entsteht.

Ich wün­sche mir eine Gesell­schaft, die weni­ger Fleisch kon­su­miert und sich stär­ker sai­so­nal, regio­nal und öko­lo­gisch ori­en­tiert ernährt. Land­wirt­schaft soll­te wie­der ein attrak­ti­ver Beruf sein.

Und vor allem wün­sche ich mir mehr Ver­bin­dung zwi­schen den Men­schen. Weni­ger Frag­men­tie­rung und mehr Zusam­men­ar­beit. Dass Land­wirt­schaft, Ernäh­rung, Kli­ma und Gesund­heit als Tei­le eines gemein­sa­men Sys­tems gedacht werden.

Am Ende wün­sche ich mir ein Ernäh­rungs­sys­tem, das gesun­de Böden, gesun­de Men­schen und leben­di­ge länd­li­che Räu­me glei­cher­ma­ßen stärkt – und in dem Land­wirt­schaft wie­der als Teil der Lösung ver­stan­den wird.