„I trust you, bro“ reicht nicht: Wozu wir im KI-Zeit­al­ter noch Analyst*innen brauchen

30.10.2026

Von Jonas Fathy, Lei­tung Phil­an­thro­pie und Non-Pro­fit bei PHINEO

Vor eini­gen Tagen bin ich über ein Video der groß­ar­ti­gen Tech-Influen­ce­rin Alber­ta­Tech gestol­pert, das mir Wor­te für etwas gege­ben hat, wofür ich bis­lang eher ein Gefühl hat­te. Dar­in erzählt sie von einem Grün­der, der den ein­zi­gen Soft­ware­ent­wick­ler sei­nes Teams ent­las­sen hat­te: Mit KI, so sei­ne Begrün­dung, pro­gram­mie­re er inzwi­schen schnel­ler als sein Ent­wick­ler.

Das klingt zunächst gar nicht so absurd. Wer mit KI eine klei­ne Anwen­dung gebaut hat, kennt das Gefühl: Man beschreibt den Wunsch, schaut kurz einem blin­ken­den Cur­sor zu und plötz­lich funk­tio­niert etwas, bei dem man frü­her nicht gewusst hät­te, wo man anfan­gen soll.

Alber­ta­Tech zieht dar­aus den gegen­tei­li­gen Schluss: Das sei kein Zei­chen dafür, dass er ihn nicht mehr brau­che. Es sei eigent­lich genau so vor­ge­se­hen. Frü­her stell­te man Softwareentwickler*innen ein, weil sie in drei Mona­ten bau­en konn­ten, wofür man selbst zwei Jah­re gebraucht hät­te. Heu­te kann KI vie­les davon in einer hal­ben Stun­de. Die pro­fes­sio­nel­le Auf­ga­be ver­schiebt sich des­halb vom schnel­len Pro­du­zie­ren zum Prü­fen des Codes, zum Ver­ste­hen des Gesamt­sys­tems und zum bewuss­ten Lang­sa­mer­wer­den – damit die App nach wei­te­ren 30 Minu­ten nicht ein­fach kom­plett crasht.
➞ Das Video kann man sich hier anse­hen. 

Beson­ders hän­gen­ge­blie­ben ist bei mir ein Satz:

„A soft­ware engineer’s job is to not say: I trust you, bro.“

Sinn­ge­mäß über­setzt: 
​„Als Softwareentwickler*in darf man nicht ein­fach sagen: ​‚Ich ver­trau dir, Bro.‘“

Und genau da muss­te ich an die PHI­NEO Wirkt-Sie­gel-Ana­ly­se den­ken, bei der wir das Wir­kungs­po­ten­zi­al von Orga­ni­sa­tio­nen prüfen.

Wenn das Lesen plötz­lich der ein­fa­che Teil wird

Vie­les, wofür wir bis­lang Analyst*innen brauch­ten, lässt sich mit KI vor­be­rei­ten: Jah­res­be­rich­te durch­su­chen, Eva­lua­tio­nen zusam­men­fas­sen, Infor­ma­tio­nen bün­deln, Stu­di­en fin­den und Aus­sa­gen Kri­te­ri­en zuord­nen. Was frü­her Stun­den oder Tage brauch­te, gelingt heu­te teil­wei­se in Minu­ten.

Ich fin­de das groß­ar­tig. Analyst*innen soll­ten kei­ne sei­ten­lan­gen Doku­men­te nach Infor­ma­tio­nen durch­su­chen, die eine Maschi­ne zuver­läs­sig in Sekun­den fin­det. Auch wir fra­gen uns des­halb, wie wir KI wir­kungs­voll, ver­ant­wor­tungs­voll und effek­tiv ein­set­zen kön­nen.

Inter­es­sant wird es an einer ande­ren Stel­le. Neh­men wir an, ich möch­te wis­sen, ob eine Orga­ni­sa­ti­on ihre Wir­kung über­prüft. Ich gebe einer KI Web­site, Jah­res­be­richt und Wir­kungs­be­richt und bit­te um eine Ein­schät­zung. Die KI fin­det kei­ne exter­ne Evaluation.

Was weiß ich jetzt?

Zunächst ein­mal erstaun­lich wenig. Im durch­such­ten Mate­ri­al wur­de kei­ne exter­ne Eva­lua­ti­on gefun­den. Viel­leicht gibt es kei­ne. Viel­leicht wur­de sie nicht ver­öf­fent­licht, heißt anders oder die Orga­ni­sa­ti­on arbei­tet mit einer Metho­de, nach der ich nicht gefragt habe. Viel­leicht ist eine exter­ne Eva­lua­ti­on hier auch gar nicht der ent­schei­den­de Qualitätsmaßstab.

Hin­zu kommt ein ​„Last Mile“-Problem: KI ver­ar­bei­tet digi­ta­le Daten. Wir­kung ent­steht aber nicht im Bericht, son­dern im Klas­sen­zim­mer, in einer Bera­tungs­stel­le, im Natur­schutz­ge­biet oder im Leben eines Men­schen. Berich­te brin­gen uns die­ser Rea­li­tät näher, erset­zen sie aber nicht. Des­halb gehö­ren zu einer guten Ana­ly­se auch Gesprä­che, Nach­fra­gen und manch­mal ein Besuch vor Ort.

Zwi­schen ​„nicht gefun­den“, ​„nicht vor­han­den“ und ​„nicht emp­feh­lens­wert“ lie­gen meh­re­re Schrit­te. KI kann uns hel­fen, sie schnel­ler zurück­zu­le­gen. Sie nimmt uns aber nicht die Ver­ant­wor­tung dafür ab, zu prü­fen, ob wir dabei falsch abge­bo­gen sind.

Wo Daten enden und Wert­ent­schei­dun­gen anfangen

Damit kommt ein älte­res Pro­blem hin­zu: Wir tun manch­mal so, als wür­den gute Daten Wert­ent­schei­dun­gen über­flüs­sig machen. Dabei ver­ste­cken sie sich oft gera­de dort beson­ders gut, wo etwas objek­tiv aus­sieht.

Wel­che Orga­ni­sa­ti­on erzielt mehr Wir­kung? Dafür muss ich ent­schei­den, was ​„mehr“ und was ​„Wir­kung“ bedeu­tet. Ein zusätz­li­ches gesun­des Lebens­jahr lässt sich rela­tiv gut zäh­len. Aber wie ver­glei­che ich es mit einem Kind, das bes­ser lesen kann, oder einer Initia­ti­ve, die eine demo­kra­ti­sche Insti­tu­ti­on wider­stands­fä­hi­ger macht?

Natür­lich kann man dafür Indi­ka­to­ren ent­wi­ckeln, und natür­lich soll­ten wir Wir­kung mög­lichst belast­bar erfas­sen. Ich wäre beruf­lich falsch abge­bo­gen, wenn ich das anders sähe. 

Aber mit jedem Indi­ka­tor ent­schei­den wir, wel­chen 
Aus­schnitt der Wirk­lich­keit wir sicht­bar machen. 
Der Rest ver­schwin­det nicht. Wir sehen ihn nur schlechter.

KI löst die­ses Pro­blem nicht. Sie ver­ar­bei­tet unse­re Aus­wahl und prä­sen­tiert das Ergeb­nis oft mit gro­ßer Sicher­heit – lässt es durch gera­de die­se Sicher­heit manch­mal auch ein­deu­ti­ger und objek­ti­ver erschei­nen, als es ange­sichts der zugrun­de lie­gen­den Ent­schei­dun­gen tat­säch­lich ist. Die Wer­te stam­men dabei nicht heim­lich von der KI. Wir tra­gen sie durch unse­re Aus­wahl und Gewich­tung selbst in die Ana­ly­se hin­ein. Eine auto­ma­ti­sier­te Bewer­tung kann die­se Ent­schei­dun­gen sehr kon­se­quent anwen­den. Aber Kon­se­quenz ist nicht das­sel­be wie Objek­ti­vi­tät: Wenn der Maß­stab bestimm­te For­men von Wir­kung und ihren Nach­wei­sen bevor­zugt, ska­liert KI zunächst ein­mal genau die­sen Maß­stab.

Hier liegt eine wesent­li­che Auf­ga­be mensch­li­cher Analyst*innen. Nicht dar­in, irgend­wie ​„mensch­li­cher“ zu urtei­len. Men­schen haben eben­falls blin­de Fle­cken. Son­dern dar­in, zu erken­nen, wo ein objek­tiv wir­ken­der Befund auf Annah­men beruht, über die man anders ent­schei­den könnte.

Gute Ana­ly­se braucht pro­duk­ti­ven und neu­gie­ri­gen Zweifel

Des­halb müs­sen wir neu dar­über nach­den­ken, was gute Ana­ly­se aus­macht.  Zugang zu Infor­ma­tio­nen und ihre effi­zi­en­te Ver­ar­bei­tung waren lan­ge ein wesent­li­cher Teil pro­fes­sio­nel­ler Kom­pe­tenz. Bei­des wird gera­de bil­li­ger und schnel­ler.
Was nicht im glei­chen Maße leich­ter wird, ist, begrün­det zu zwei­feln, mit Neu­gier zu erkun­den und anschlie­ßend zu einer Ent­schei­dung zu kommen.

  • Eine gute Ana­lys­tin muss fra­gen, was fehlt. 
  • Sie muss mer­ken, wenn schein­bar ver­gleich­ba­re Orga­ni­sa­tio­nen unter­schied­li­che Din­ge tun, ein mess­ba­res Kri­te­ri­um am Pro­blem vor­bei­geht oder Akten­la­ge und Rea­li­tät nicht zusammenpassen. 
  • Und sie muss eine plau­si­ble Ein­schät­zung ver­wer­fen können.

Dafür braucht es Ver­fah­ren, die Wider­sprü­che zulas­sen und anschlie­ßend zu einem Urteil füh­ren. Wir arbei­ten des­halb mit meh­re­ren Per­spek­ti­ven und dem Vier-Augen-Prin­zip. Zwei Men­schen fin­den nicht auto­ma­tisch die Wahr­heit. Der Mehr­wert ent­steht, wenn sie klä­ren, woher ihre Unter­schie­de kom­men, Annah­men prü­fen und sich auf eine Ein­schät­zung eini­gen, die sie gemein­sam begrün­den können. 

Zwei­fel ohne Eini­gung pro­du­ziert Still­stand. 
Eini­gung ohne Zwei­fel pro­du­ziert Schein­si­cher­heit. 
Gute Ana­ly­se braucht beides.

Dar­in liegt für mich der Kern von Alber­taTechs ​„I trust you, bro“. Pro­fes­sio­na­li­tät bedeu­tet nicht, der Maschi­ne grund­sätz­lich zu miss­trau­en. Sie bedeu­tet zu wis­sen, wann Ver­trau­en noch nicht reicht und wie man von dort zu einer bes­se­ren Ein­schät­zung kommt.

Das wird gera­de beim Spen­den interessant

In den nächs­ten Wochen wer­den vie­le Men­schen über­le­gen, wohin sie zum Jah­res­en­de spen­den. Vie­le von ihnen wer­den dabei KI um Rat fra­gen. Das ist völ­lig legi­tim. Wahr­schein­lich wür­de ich es selbst tun.

Wer eine Orga­ni­sa­ti­on gegen Kin­der­ar­mut oder für Kli­ma­schutz sucht, kann sich mit KI schnell einen Über­blick ver­schaf­fen und nach Hin­wei­sen auf Wir­kung fra­gen. Das kann die Ent­schei­dung verbessern.

Ich wür­de mir dabei nur einen klei­nen gedank­li­chen Stol­per­stein einbauen:

Nut­ze ich die KI gera­de, um mei­ne Ent­schei­dung bes­ser zu infor­mie­ren, oder über­las­se ich ihr die Entscheidung?

Spä­tes­tens wenn aus Recher­che ein Urteil wird, lohnt es sich, lang­sa­mer zu wer­den. Fin­det die KI kei­ne Infor­ma­tio­nen, sagt das zunächst etwas über ihre Daten­grund­la­ge. Ver­gleicht sie Orga­ni­sa­tio­nen, müs­sen deren Wir­kun­gen ver­gleich­bar sein. Und rät sie von einer Spen­de ab, soll­te die Grund­la­ge belast­bar sein.

Das heißt nicht, jede Ant­wort drei Wochen lang zu über­prü­fen. Der Prüf­auf­wand soll­te zur Trag­wei­te des Urteils pas­sen. Eine KI, die mir drei Orga­ni­sa­tio­nen für die wei­te­re Recher­che vor­schlägt, darf Feh­ler machen. Ein öffent­li­ches nega­ti­ves Urteil soll­te einen ande­ren Maß­stab erfüllen.

Sechs Fra­gen für den Umgang mit KI-Urteilen

Es wird also schwie­rig, wenn die KI nicht nur Infor­ma­tio­nen bereit­stellt, son­dern bereits ein Urteil mit­lie­fert: emp­feh­lens­wert oder nicht emp­feh­lens­wert, wirk­sam oder nicht wirk­sam, gute oder schlech­te Spen­den­ent­schei­dung. Dann wür­de ich genau­er hin­schau­en. Nicht, weil ein sol­ches Urteil falsch sein muss. Son­dern weil ich wis­sen möch­te, wie es zustan­de gekom­men ist.


Drei Fra­gen, die immer beant­wor­tet sein sollten

  1. Wer hat die­ses Urteil gefällt? 
    Hat ein Mensch das Ergeb­nis fach­lich geprüft und ver­ant­wor­tet? Oder wur­de aus einer auto­ma­ti­sier­ten Ana­ly­se unmit­tel­bar eine Emp­feh­lung oder Nicht-Empfehlung?
  2. Wor­auf basiert das Urteil? 
    Wur­den nur öffent­lich ver­füg­ba­re Infor­ma­tio­nen aus­ge­wer­tet? Oder hat­te die Orga­ni­sa­ti­on Gele­gen­heit, Unter­la­gen zu ergän­zen und mög­li­che Feh­ler oder Lücken richtigzustellen?
  3. Hat jemand mit der Orga­ni­sa­ti­on gespro­chen? 
    Wur­den Rück­fra­gen zu wider­sprüch­li­chen oder feh­len­den Infor­ma­tio­nen gestellt? Wur­den die Inhal­te der bestehen­den Doku­men­te vali­diert oder zumin­dest plau­si­bi­li­siert, bei­spiels­wei­se durch Inter­views oder Gespräche? 

Drei Ver­tie­fungs­fra­gen für den genaue­ren Blick

  1. Was ver­steht die Bewer­tung unter ​„Wir­kung“? 
    Wel­che Wir­kun­gen zäh­len? Wel­che las­sen sich mit die­sem Ansatz schlech­ter erfas­sen? Wer­den kurz­fris­ti­ge, gut mess­ba­re Ver­än­de­run­gen mög­li­cher­wei­se leich­ter sicht­bar als lang­fris­ti­ge oder komplexe?
  2. Wie geht die Ana­ly­se mit Unsi­cher­heit um? 
    Unter­schei­det sie sau­ber zwi­schen ​„Dazu lie­gen kei­ne aus­rei­chen­den Infor­ma­tio­nen vor“ und ​„Das fin­det nicht statt“? Und zwi­schen ​„Das lässt sich nicht beur­tei­len“ und ​„Davon ist abzuraten“?
  3. Lässt sich nach­voll­zie­hen, wie das Urteil zustan­de gekom­men ist? 
    Sind Kri­te­ri­en, Daten­grund­la­ge und Gren­zen trans­pa­rent? Und kann das Urteil kor­ri­giert wer­den, wenn Infor­ma­tio­nen feh­len oder falsch inter­pre­tiert wurden?

Was ich dar­aus mitnehme

  • KI darf schnell sein. Gute Ana­ly­se muss es nicht immer sein. 
    Gewon­ne­ne Zeit soll­ten wir dort ein­set­zen, wo Nach­fra­gen, Prü­fen, Abwä­gen und Eini­gen die Ent­schei­dung bes­ser machen.
  • Daten bil­den Wirk­lich­keit nur sche­men­haft ab. Sie sind nicht die Wirk­lich­keit. 
    Zwi­schen ​„nicht gefun­den“, ​„nicht vor­han­den“ und ​„nicht emp­feh­lens­wert“ lie­gen meh­re­re Schrit­te. KI beschleu­nigt den ers­ten. Die ande­ren ver­schwin­den nicht.
  • Auch objek­tiv wir­ken­de Bewer­tun­gen ent­hal­ten Ent­schei­dun­gen. 
    Was wir betrach­ten, ver­glei­chen und gewich­ten, prägt das Urteil. KI kann die­se Ent­schei­dun­gen anwen­den, aber nicht für uns reflektieren.
  • Gute Ana­ly­se ist pro­duk­ti­ver und neu­gie­ri­ger Zwei­fel. 
    Sie lässt unter­schied­li­che Ein­schät­zun­gen zu, bleibt dort aber nicht ste­hen. Sie prüft die Grün­de, wägt ab und kommt zu einem Urteil, das sich begrün­den und ver­ant­wor­ten lässt.

Viel­leicht wer­den gute Analyst*innen des­halb nicht trotz KI wich­ti­ger, son­dern gera­de wegen ihr. Und viel­leicht lässt sich ihre neue alte Auf­ga­be tat­säch­lich mit Alber­ta­Tech am bes­ten zusam­men­fas­sen: ​„I trust you, bro“ ist kei­ne Analysemethode.

Wenn Sie Fragen haben:

Jonas Fathy

Leitung PHINEO Philanthropie & Non-Profit
+49 30 520 065 113
jonas.fathy@phineo.org