Inter­view mit Ster­ne­koch Ste­phan Hentschel

Wir haben vege­ta­ri­sche Küche aus der Salat-und-San­da­len-Ecke geholt“

PHINEO-Redaktion,
07.09.2026

Ste­phan Hent­schel über die Anfän­ge der pflan­zen­ba­sier­ten Spit­zen­gas­tro­no­mie im Ber­li­ner Restau­rant Coo­kies Cream, die Rol­le von Social Media in der vege­ta­ri­schen Küche und die Her­aus­for­de­run­gen einer nach­hal­ti­gen Ernäh­rung. 

Ste­phan Hent­schel ist Deutsch­lands ers­ter vege­ta­ri­scher Ster­ne­koch. Er war 15 Jah­re lang Küchen­chef im Ber­li­ner Restau­rant Coo­kies Cream und präg­te die pflan­zen­ba­sier­te Hau­te Cui­sine maß­geb­lich. Heu­te arbei­tet er als frei­schaf­fen­der Spit­zen­koch, Food-Bera­ter und Autor. 

Ste­phan, wie bist du zum Kochen und zur vege­ta­ri­schen Küche gekommen? 

Ich habe 1998 eine Aus­bil­dung als Koch begon­nen und damals viel mit Fleisch gear­bei­tet. In der Nähe der Restau­rants waren Forst­äm­ter. Tie­re, die ange­fah­ren oder ange­schos­sen wur­den, wur­den dort unter­sucht, und wir haben sie ver­ar­bei­tet. Gleich­zei­tig hat­te ich immer Lust, mit Pflan­zen zu arbei­ten. Mei­ne Mut­ter ist Flo­ris­tin, und ich war viel bei mei­nen Groß­el­tern auf dem Land und habe Gar­ten­ar­beit gemacht. 

2007 habe ich im neu eröff­ne­ten Coo­kies Cream in der Küche ange­fan­gen. Ich dach­te, wir machen Fleisch und Fisch, aber es soll­te ein vege­ta­ri­sches Restau­rant sein. Ich hat­te nichts dage­gen. Nach Jah­ren mit Fleisch hat­te ich ehr­lich gesagt kei­ne Lust mehr dar­auf. Coo­kie sag­te: Lass uns ohne Pas­ta, ohne Tofu, ohne Reis arbei­ten. Damals waren vege­ta­ri­sche Gerich­te meis­tens ent­we­der asia­tisch mit Reis oder ita­lie­nisch mit Pas­ta. Es gab kuli­na­risch wenig Viel­falt. Im Super­markt gab nur weni­ge Gemüsesorten.

Wie ist es mit dem Coo­kies Cream angelaufen?

Die ers­ten vier Jah­re waren schwer. 28 Euro für ein Gemü­se-Menü zu ver­lan­gen, war damals kaum vor­stell­bar. Wer vege­ta­risch essen woll­te, ging eher ins Fleisch­re­stau­rant als in ein vegetarisches.

Wir sind dann Schritt für Schritt rein­ge­wach­sen. Es gab kei­ne Tuto­ri­als, kei­ne Bücher, an denen man sich ori­en­tie­ren konn­te. Ich habe mit Fer­men­ta­ti­ons- und Ein­le­ge­bü­chern gear­bei­tet und vie­les aus der Fleisch­kü­che auf Gemü­se über­tra­gen. Wir woll­ten zei­gen, dass ein vege­ta­ri­sches Menü voll­wer­tig ist. Teil­wei­se war es sogar sehr reich­hal­tig. Kalo­risch lag man bei uns oft über einem Steak mit Salat. Uns war wich­tig, dass die Gäs­te satt und zufrie­den nach Hau­se gehen.

Wie hast du die Ent­wick­lung hin zu mehr pflanz­li­chen Lebens­mit­teln wahr­ge­nom­men und wo siehst du die größ­ten Herausforderungen? 

Bevor ich in der geho­be­nen Gas­tro­no­mie tätig war, war das The­ma für mich kaum prä­sent – auch, weil vie­le Pro­duk­te noch gar nicht exis­tier­ten. Die Trans­for­ma­ti­on von Ernäh­rung beginnt für mich vor allem in der geho­be­nen Küche. Dort kann man Din­ge aus­pro­bie­ren, die in Groß­kü­chen kaum funk­tio­nie­ren. Groß­kü­chen sind stark durch­struk­tu­riert und auf Men­ge sowie Kon­trol­le aus­ge­legt. In der geho­be­nen Gas­tro­no­mie gibt es mehr Spiel­raum, auch beim Preis.

Wenn eta­blier­te Köch*innen neue Wege gehen, hat das Wir­kung. Genau das haben wir im Coo­kies Cream gemacht: Wir haben Gemü­se kon­se­quent in den Mit­tel­punkt gestellt, aber auf eine zugäng­li­che Art. Kein stei­fer Ser­vice, kei­ne Distanz. Wir haben geduzt, locker gear­bei­tet und Hemm­schwel­len abgebaut.

Trotz­dem war es selbst in Ber­lin nicht ein­fach. Die Stadt galt schon früh als Haupt­stadt für vege­ta­ri­sche und vega­ne Lebens­wei­sen. Aber 2007 gab es viel­leicht fünf­zig ent­spre­chen­de Imbis­se. Heu­te sind es sech­zig oder sieb­zig Restau­rants. Das zeigt, wie lang­sam sich sol­che Ver­än­de­run­gen oft entwickeln.

Wel­che Fak­to­ren waren ent­schei­dend für die Akzep­tanz vege­ta­ri­scher Küche in der geho­be­nen Gastronomie? 

Am Anfang war es vor allem die Cool­ness. Wir haben es geschafft, vege­ta­ri­sche Küche aus der Salat-und-San­da­len-Ecke zu holen. Ber­lin hat dabei eine wich­ti­ge Rol­le gespielt.

Dazu kam der Zuzug vie­ler Men­schen und damit ein kuli­na­ri­scher Schmelz­tie­gel. Plötz­lich waren neue Küchen, neue Geschmä­cker und neue Kon­zep­te prä­sent – nicht nur in der Spit­zen­gas­tro­no­mie, son­dern auch im güns­ti­ge­ren Bereich. Es ging nicht mehr nur um High-End-Küche.

Wich­tig war auch der Aus­tausch unter Köch*innen. Frü­her wur­den Rezep­te oft wie Geheim­nis­se gehü­tet. Mit Smart­phones und spä­ter Social Media hat sich das grund­le­gend ver­än­dert. Auf ein­mal konn­ten Ideen, Tech­ni­ken und Erfah­run­gen viel ein­fa­cher geteilt wer­den. Das hat die Ent­wick­lung enorm beschleunigt.

Also Social Media als Katalysator? 

Ja, auf jeden Fall. Anfangs ging es vor allem ums Kochen und um neue Ideen in der Küche. Spä­ter wur­de Ernäh­rung zuneh­mend auch zu einem State­ment. Heu­te ist das noch viel stär­ker aus­ge­prägt: Vege­ta­risch oder vegan zu essen, ist für vie­le Men­schen Teil ihrer Identität.

Das kann pro­ble­ma­tisch sein, weil es schnell zu Pola­ri­sie­rung führt. Gleich­zei­tig hat es aber dafür gesorgt, dass das The­ma viel sicht­ba­rer gewor­den ist. Inso­fern war Social Media defi­ni­tiv ein wich­ti­ger Katalysator.

Es geht nicht dar­um, Fleisch grund­sätz­lich abzu­leh­nen. Aber die­ses Aus­maß ist für mich kaum noch nachvollziehbar.

Ste­phan Hentschel

Wo siehst du in der Gas­tro­no­mie den wich­tigs­ten Hebel für mehr pflanz­li­che Ernährung?

Die Zusam­men­ar­beit mit Produzent*innen. Ich habe im Lau­fe der Jah­re sehr viel von Gärt­nern gelernt. Am Anfang haben wir ein­fach bestellt. Fleisch war der Haupt­pos­ten, Gemü­se eher Bei­werk. Als Gemü­se dann ins Zen­trum unse­rer Küche gerückt ist, muss­te ich ler­nen, anders zu pla­nen. Gemein­sam mit den Gärt­nern habe ich Sai­son­ka­len­der ent­wi­ckelt und Men­gen abge­stimmt. Wenn ich wuss­te, dass ich im Som­mer sech­zig Kilo Kohl­ra­bi brau­che, konn­ten sie ihre Anbau­pla­nung dar­auf ausrichten.

Das hat die Qua­li­tät enorm ver­bes­sert. Wir hat­ten weni­ger Abfäl­le, bes­se­re Pro­duk­te und einen viel enge­ren Aus­tausch. Mit mei­nem Team bin ich regel­mä­ßig in die Gär­ten gefah­ren, wir haben uns vor Ort ange­schaut, wie ange­baut wird, und Schu­lun­gen gemacht.

Irgend­wann habe ich sogar selbst Kräu­ter auf dem Dach ange­baut, vor allem für die Aus­bil­dung der Lehr­lin­ge. Dabei habe ich aber auch gelernt: Ein Koch kann nicht neben­bei noch einen Gar­ten betrei­ben. Dafür braucht es Gärt­ner. Nach­hal­tig­keit bedeu­tet für mich nicht, alles selbst zu machen, son­dern die Exper­ti­se ver­schie­de­ner Men­schen sinn­voll zusammenzubringen.

Was sind die wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für eine nach­hal­ti­ge Küche? 

Trans­pa­renz. Dar­an fehlt es in Deutsch­land noch oft. Ich ken­ne vie­le Restau­rants, die den Grü­nen Stern für nach­hal­ti­ge Küche (Anmer­kung der Redak­ti­on: der Grü­ne Stern wur­de 2025 nach fünf Jah­ren wie­der abge­schafft) tra­gen und trotz­dem fast aus­schließ­lich über Groß­händ­ler ein­kau­fen. Wirk­lich enge Koope­ra­tio­nen mit Pro­du­zen­ten sind nach wie vor eher die Ausnahme.

Gleich­zei­tig sehe ich Restau­rants mit Grü­nem Stern, die in einem Sie­ben-Gän­ge-Menü elf ver­schie­de­ne Tie­re ver­ar­bei­ten. Für mich passt das nicht zusam­men. Es geht nicht dar­um, Fleisch grund­sätz­lich abzu­leh­nen. Aber die­ses Aus­maß ist für mich kaum noch nachvollziehbar.

Nach­hal­ti­ge Küche bedeu­tet aus mei­ner Sicht, bewusst mit Res­sour­cen umzu­ge­hen, die Her­kunft der Pro­duk­te zu ken­nen und ent­lang der gesam­ten Lie­fer­ket­te trans­pa­rent zu arbei­ten. Dafür braucht es eine ehr­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit den eige­nen Ein­kaufs- und Produktionsentscheidungen. 

Man könn­te hoch­ver­ar­bei­te­te Pro­duk­te stär­ker besteu­ern, Zucker anders regu­lie­ren und Ernäh­rung ins­ge­samt klü­ger steu­ern – ohne den Men­schen alles vorzuschreiben.

Ste­phan Hentschel

Wie schätzt du Deutsch­land im inter­na­tio­na­len Ver­gleich ein, wenn es um nach­hal­ti­ge Ernäh­rung sowie das Bewusst­sein für Kli­ma und Gesund­heit geht?

Das neue Bio ist heu­te regio­nal und sai­so­nal. Das hal­te ich für eine posi­ti­ve Ent­wick­lung. Denn Bio allein reicht nicht, wenn Pro­duk­te trotz­dem um die hal­be Welt geflo­gen werden.

Ins­ge­samt sind die Men­schen bewuss­ter gewor­den, viel­leicht auch durch Coro­na. Gleich­zei­tig gibt es einen star­ken Gegen­trend. Hoch­wer­ti­ges Fleisch, Bur­ger oder Steak haben nach wie vor eine gro­ße Anziehungskraft.

Gera­de im Ver­gleich zu den USA sieht man deut­li­che Unter­schie­de. Dort hängt gesun­de Ernäh­rung viel stär­ker vom Ein­kom­men ab. In Los Ange­les zum Bei­spiel ernäh­ren sich vie­le Men­schen sehr bewusst. Gleich­zei­tig ist Fast Food oft die güns­ti­ge­re Opti­on und wird des­halb häu­fi­ger von ein­kom­mens­schwä­che­ren Grup­pen kon­su­miert. Inzwi­schen gibt es dort poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Bewe­gun­gen, die gegen­steu­ern wol­len. Ich bin gespannt, was dar­aus entsteht.

Glo­bal betrach­tet dür­fen wir uns aber nichts vor­ma­chen. Wäh­rend in Deutsch­land ten­den­zi­ell weni­ger Fleisch geges­sen wird, wächst in vie­len ande­ren Regio­nen die Mit­tel­schicht. Mit stei­gen­dem Wohl­stand steigt dort oft auch der Fleisch­kon­sum. Des­halb gehe ich davon aus, dass der welt­wei­te Fleisch­kon­sum ins­ge­samt wei­ter zuneh­men wird.

Wor­in siehst du aktu­ell die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen eines nach­hal­ti­ge­ren und gesün­de­ren Ernährungssystems?

Ich sehe die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen bei den poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen. Es reicht nicht, ein­zel­ne Bran­chen über eine redu­zier­te Mehr­wert­steu­er zu entlasten.

Sinn­voll fän­de ich, Grund­nah­rungs­mit­tel wie Milch, But­ter oder Brot kom­plett von der Mehr­wert­steu­er zu befrei­en. Gleich­zei­tig könn­te man hoch­ver­ar­bei­te­te Pro­duk­te stär­ker besteu­ern, Zucker anders regu­lie­ren und Ernäh­rung ins­ge­samt klü­ger steu­ern – ohne den Men­schen alles vorzuschreiben.

Ein wei­te­res gro­ßes The­ma sind die Hygie­ne- und Kon­troll­sys­te­me. In Deutsch­land gilt das HACCP-Sys­tem. Ursprüng­lich wur­de es ent­wi­ckelt, um Lebens­mit­tel für die Raum­fahrt sicher zu machen. Über die Jah­re ist dar­aus ein Regel­werk ent­stan­den, das fri­sches Kochen in vie­len Berei­chen erschwert.

Für gro­ße Betrie­be, zum Bei­spiel auch in Kran­ken­häu­sern und Schul­kü­chen, ist es oft ein­fa­cher, fer­ti­ge Pro­duk­te ein­zu­kau­fen, aus­zu­pa­cken und zu erwär­men. Wer frisch kochen will, braucht zusätz­li­che Räu­me, Nach­wei­se und eine lücken­lo­se Doku­men­ta­ti­on. Das führt dazu, dass hand­werk­li­ches Kochen zuneh­mend ver­drängt wird.

Wie groß sind die Bar­rie­ren für eine pflan­zen­be­ton­te Ernäh­rung heu­te noch?

Die Bar­rie­ren sind sehr unter­schied­lich. Ernäh­rung ist stark von der eige­nen Prä­gung abhän­gig. In Städ­ten wie Frei­burg gibt es eine gro­ße Offen­heit, in ande­ren Regio­nen deut­lich weni­ger. Essen muss man ler­nen. Wer bestimm­te Ernäh­rungs­wei­sen nie ken­nen­ge­lernt hat, hat oft kei­nen Bezug dazu.

Blickst du opti­mis­tisch auf die Ent­wick­lung hin zu einer stär­ker pflanz­lich gepräg­ten Ernährung?

Ja, grund­sätz­lich schon. Vor allem jün­ge­re Men­schen set­zen sich bewuss­ter mit Ernäh­rung aus­ein­an­der und hin­ter­fra­gen alte Gewohn­hei­ten. Gleich­zei­tig ler­nen wir mehr dar­über, was uns gut­tut. Ent­schei­dend wird sein, Gesund­heit, Genuss und Nach­hal­tig­keit zusam­men­zu­den­ken – statt sie gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len. 

Vie­len Dank für das Gespräch!