War­um Mobi­li­tät eine Fra­ge des Zusam­men­halts ist

30.09.2026

„Wer über Mobi­li­tät redet, redet am Ende über Zusam­men­halt.“ Als Ste­pha­nie Scholz vom Lan­des­ver­band Nach­hal­ti­ges Sach­sen die­sen Satz für das Vor­wort zum Jah­res­be­richt unse­rer Initia­ti­ve Mobi­li­täts­kul­tur schrieb, brach­te sie eine Beob­ach­tung auf den Punkt, die uns seit Jah­ren begleitet. 

E‑Autos, Rad­we­ge, Sha­ring-Ange­bo­te – wenn über nach­hal­ti­ge Mobi­li­tät gespro­chen wird, geht es oft um Infra­struk­tur. Doch nach 8 Jah­ren Initia­ti­ve Mobi­li­täts­kul­tur und 26 geför­der­ten Pro­jek­ten wis­sen wir: Mobi­li­täts­pro­jek­te sind dann erfolg­reich, wenn sie bei den Bedürf­nis­sen der Men­schen vor Ort ansetzen. 

„Neue Mobi­li­täts­an­ge­bo­te allein rei­chen nicht aus. Erst wenn sich auch Bezie­hun­gen, Ver­trau­en, For­men der Zusam­men­ar­beit und die Art ver­än­dern, wie Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den, kön­nen neue Lösun­gen ihre Wir­kung entfalten.”

In Sach­sen tes­te­ten Haus­hal­te ein Jahr lang ein Leben ohne eige­nes Auto und ent­wi­ckel­ten gemein­sam mit Ver­wal­tun­gen Ideen für eine all­tags­taug­li­che Mobi­li­tät. Im bay­ri­schen Alpen­raum ent­stan­den neue Netz­wer­ke zwi­schen Tou­ris­mus, Poli­tik, Ver­wal­tung und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteur*innen. In Bran­den­burg wer­den Bürger*innen früh­zei­tig in die Ent­wick­lung neu­er Mobi­li­täts­an­ge­bo­te durch Start-Ups ein­ge­bun­den. Und in ande­ren Kom­mu­nen dis­ku­tier­ten Anwoh­nen­de, Ver­wal­tung und Poli­tik auf Initia­ti­ve des Pro­jekts gemein­sam dar­über, wie Fuß­gän­ger­freund­lich­keit aus­se­hen kann.

Drei Per­spek­ti­ven auf eine neue Mobilitätskultur 

Immer wie­der wur­de die­sel­be Erfah­rung sicht­bar: Dort, wo Bürger*innen, Ver­wal­tung, Poli­tik, Wirt­schaft und Zivil­ge­sell­schaft mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men, ent­steht neben neu­en Mobi­li­täts­an­ge­bo­ten auch ein bes­se­res Ver­ständ­nis für­ein­an­der. Wer Mobi­li­tät ver­än­dern will, spricht des­halb zwangs­läu­fig neben Ver­kehr, Infra­struk­tur und unser Kli­ma auch über Betei­li­gung und gesell­schaft­li­chen Zusammenhalt.

War­um das so ist und was man dar­aus ler­nen kann, dar­über haben wir gespro­chen mit 

  • Til­man Bra­cher, Ver­kehrs­wis­sen­schaft­ler und Vor­stands­vor­sit­zen­der der CHRY­SAN­TIL Stif­tung, gemein­sam mit PHI­NEO hat er 2018 die Initia­ti­ve Mobi­li­täts­kul­tur ins Leben gerufen.
  • Frank Kutz­ner, Geschäfts­füh­rer vom wege­bund (Arbeits­ge­mein­schaft säch­si­scher Kom­mu­nen zur För­de­rung des Rad- und Fuß­ver­kehrs e.V.), eines der von der Initia­ti­ve Mobi­li­täts­kul­tur geför­der­ten Projekte.
  • Ced­ric Lafr­entz, PHI­NEO-Exper­te für wir­kungs­ori­en­tier­te För­de­rung, der die Initia­ti­ve Mobi­li­täts­kul­tur als Pro­jekt­lei­ter begleitet.

Wenn Mobi­li­tät mehr ist als die Fra­ge, wie wir von A nach B kom­men – wor­über reden wir dann eigentlich?

Frank Kutz­ner: Im Grun­de dar­über, wie wir leben wol­len. Ich kann mobil sein und dafür wenig Ver­kehr erzeu­gen, weil die Schu­le mit dem Fahr­rad, das Kino mit der Bahn und der Super­markt zu Fuß erreich­bar sind und ich viel­leicht bei mei­ner Arbeit zwei Tage die Woche im Home­of­fice arbei­te. Ich kann aber auch sehr viel Infra­struk­tur benö­ti­gen, sehr viel Ver­kehr erzeu­gen, um mobil zu sein. 

Wie viel Auf­wand und Geld wir für Mobi­li­tät auf­wen­den wol­len, müs­sen wir gesell­schaft­lich aus­han­deln. Das gilt ins­be­son­de­re in Zei­ten, in denen ein wei­te­res Wachs­tum der Infra­struk­tur nicht leist­bar ist. Schon heu­te kom­men wir ja bei­spiels­wei­se bei der Instand­hal­tung von Brü­cken oder der Zuver­läs­sig­keit der Bahn kaum hin­ter­her. Es wird nicht für alles rei­chen. Und die Prio­ri­tä­ten­set­zung, sei es auf kom­mu­na­ler, Lan­des- oder Bun­des­ebe­ne, hängt ganz ent­schei­dend von der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Fra­ge ab, wie wir in den nächs­ten Jahr­zehn­ten in Deutsch­land leben wollen.

Til­man Bra­cher: Ver­kehr ent­steht aus indi­vi­du­el­len und gemein­schaft­li­chen Ent­schei­dun­gen. Wann, wohin und mit wel­chem Ver­kehrs­mit­tel wir gewöhn­lich unter­wegs sind, wel­che Stre­cken und Lini­en wir nut­zen, wo wir par­ken, tan­ken oder nach einem Park­platz suchen, sind Resul­ta­te unse­res Alltags. 

Wo und mit wem wir woh­nen, wel­che Apps, Abon­ne­ments, eige­ne Fahr­zeu­ge und Fahr­erlaub­nis­se, Abstell­plät­ze oder Gara­gen wir haben und unse­re finan­zi­el­le Situa­ti­on – all das bestimmt, wie wir mobil sein kön­nen und wollen. 

Dabei spie­len nicht nur Infra­struk­tur und Ange­bo­te eine Rol­le. Auch von kul­tu­rel­len und sozia­len Kom­po­nen­ten, oder von den Gepflo­gen­hei­ten am Arbeits­platz und im übri­gen Umfeld hängt es ab, wel­che Ver­kehrs­mit­tel wir ken­nen und nut­zen, wel­che Gewohn­hei­ten wir haben und wie groß die Bereit­schaft ist, die­se in Fra­ge zu stellen.

Was bedeu­tet das für die Ent­wick­lung neu­er Mobilitätsangebote?

Til­man Bra­cher: Zunächst ein­mal, dass wir nicht von uns selbst auf ande­re schlie­ßen dür­fen. Die Ein­stel­lun­gen, Denk­mus­ter und Lebens­sti­le der eige­nen ​„Bla­se“ prä­gen oft unse­re Vor­stel­lung von Nor­ma­li­tät, sind aber nicht ohne wei­te­res übertragbar. 

Men­schen haben sehr unter­schied­li­che Lebens­wirk­lich­kei­ten, die es zu berück­sich­ti­gen gilt: Ist ein Bus erreich­bar? Ken­ne ich Fahr­plä­ne und Tari­fe? Ist ein eige­nes Fahr­rad, Las­ten­rad oder Auto vor­han­den, ein Leih- oder Miet­fahr­zeug erreich­bar? Kann ich mit Apps umge­hen? Füh­le ich mich in mei­ner Umge­bung und auf mei­nen Stre­cken sicher? Wie viel Zeit und Geld habe ich zur Ver­fü­gung? Wie viel Kom­fort brau­che ich? Und wie offen bin ich für Neu­es und Veränderungen?

Ced­ric Lafr­entz: Die geför­der­ten Pro­jek­te der Initia­ti­ve Mobi­li­täts­kul­tur zei­gen genau das: Es sind sowohl struk­tu­rel­le als auch kul­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen not­wen­dig. Neue Mobi­li­täts­an­ge­bo­te allein rei­chen nicht aus. Erst wenn sich auch Bezie­hun­gen, Ver­trau­en, For­men der Zusam­men­ar­beit und die Art ver­än­dern, wie Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den, kön­nen neue Lösun­gen ihre Wir­kung entfalten. 

Dar­um ver­ste­hen wir Betei­li­gung auch nicht in ers­ter Linie als Mit­tel, um Akzep­tanz für die Ange­bo­te zu schaf­fen. Betei­li­gung ist viel­mehr ein zen­tra­ler Bestand­teil gesell­schaft­li­cher Veränderungsprozesse.

Frank Kutz­ner: Es gibt aus mei­ner Erfah­rung her­aus grob gespro­chen drei Grup­pen, wenn es um neue Maß­nah­men, Ver­än­de­run­gen oder eine ande­re Kul­tur geht: Die Geg­ner, die Unent­schlos­se­nen und die Befür­wor­ter. Die Unent­schlos­se­nen sind die größ­te Grup­pe, sie mel­den sich meist nie zu Wort. 

Unauf­ge­reg­te, nied­rig­schwel­li­ge For­ma­te hal­te ich des­halb für zen­tral. Dabei geht es zunächst um Infor­ma­ti­on und Aus­tausch, im bes­ten Fall aber auch um Mit­wir­kung. Wenn eine gute Par­ti­zi­pa­ti­on gelingt, kann das auch poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern den Rücken stär­ken. Weil die Ent­schei­der sehen: ​„Ah, es gibt nur eine klei­ne, lau­te Geg­ner­schaft, aber die Grup­pe der offe­nen, posi­tiv gestimm­ten Men­schen und Befür­wor­ter ist viel grö­ßer. Die Gefahr gegen gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung zu agie­ren (und die nächs­te Wahl zu ver­lie­ren) ist viel nied­ri­ger als ich befürch­tet hatte.“

10 Pro­jek­te für eine men­schen- und kli­ma­freund­li­che Mobilität

… und mehr Infor­ma­tio­nen zur Initia­ti­ve Mobi­li­täts­kul­tur gibt es im aktu­el­len Jah­res­be­richt.

Was wird in der Debat­te über nach­hal­ti­ge Mobi­li­tät häu­fig über­se­hen? Was kommt zu kurz?

Frank Kutz­ner: Die Sicher­heits­fra­ge kommt viel zu kurz. Wir brau­chen uns nicht über das Zufuß­ge­hen und öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel Gedan­ken machen, wenn die Men­schen Angst haben, ange­pö­belt, im Dun­keln oder im Müll ste­hen gelas­sen zu werden. 

Glei­ches gilt für die sub­jek­ti­ve Sicher­heit beim Rad­fah­ren. Oft wird nur auf Unfall­zah­len geschaut, um den Bestand zu opti­mie­ren. Aber: Es gibt Stel­len, die so gefähr­lich sind, dass nie­mand sich über­haupt dort ent­lang traut. Auch wenn dort viel­leicht der kür­zes­te Weg vom Wohn­quar­tier zur Ein­kaufs­stra­ße liegt. 

Die Unfall­kom­mis­sio­nen schau­en sich (bis­her) die­se Orte nicht an, weil dort kei­ne Unfäl­le pas­sie­ren – wie auch, wenn aus Angst, ange­fah­ren zu wer­den, fast nie­mand mit dem Rad unter­wegs ist. 

Til­man Bra­cher: Der Mobi­li­täts­dis­kurs ist noch immer stark durch die Ansät­ze der klas­si­schen Ver­kehrs­wis­sen­schaf­ten geprägt:  Wie ent­steht Ver­kehr, wel­ches Ver­kehrs­mit­tel wird gewählt, wie lässt sich Ver­kehr ver­la­gern, ver­bes­sern oder ver­mei­den? Dabei gibt es aus mei­ner Sicht eini­ge Fra­gen, die zu wenig Auf­merk­sam­keit bekommen.

Zum Bei­spiel die Fra­ge, wie wir vor­han­de­ne Res­sour­cen bes­ser nut­zen kön­nen. In vie­len pri­va­ten Fahr­zeu­gen blei­ben Plät­ze frei. Wür­den wir häu­fi­ger gemein­sam fah­ren oder Fahr­zeu­ge tei­len, könn­te Mobi­li­tät ermög­licht wer­den, ohne zusätz­li­chen Ver­kehr zu erzeu­gen. Dass das bis­lang nur begrenzt geschieht, hat auch kul­tu­rel­le und sozia­le Grün­de: Vie­le Men­schen nut­zen kei­ne Mit­fahr­ge­le­gen­hei­ten oder frem­de Fahr­zeu­ge, fah­ren in unbe­kann­ter Umge­bung nicht Fahr­rad oder haben ein Distanz­be­dürf­nis gegen­über frem­den Mitreisenden.

 Auch über Down­si­zing wird aus mei­ner Sicht zu wenig gespro­chen. Statt nur dar­über nach­zu­den­ken, Autos mit einem ande­ren Antrieb aus­zu­stat­ten, könn­ten wir stär­ker fra­gen, wel­che Grö­ße und Leis­tungs­fä­hig­keit ein Fahr­zeug tat­säch­lich haben muss – und wel­che Wege über­haupt ein Auto erfordern.

Und wir soll­ten den Blick über die all­täg­li­che Per­so­nen­mo­bi­li­tät hin­aus erwei­tern. Fern­rei­sen haben einen erheb­li­chen Anteil am öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck. Geschäfts- und Pri­vat­rei­sen las­sen sich teil­wei­se mit­ein­an­der ver­bin­den und dadurch zusätz­li­che Rei­sen ver­mei­den. Gleich­zei­tig wächst durch Online­han­del, Paket‑, Kurier- und Lie­fer­diens­te ein Bereich der Mobi­li­tät, der in der öffent­li­chen Debat­te bis­lang wenig Beach­tung findet.

Ced­ric Lafr­entz: Bei der Viel­zahl der Ideen, The­men und Ansät­ze auf dem Weg zu einer nach­hal­ti­gen Mobi­li­tät dür­fen wir dabei nicht aus dem Blick ver­lie­ren, dass gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rung nicht ​„gemacht” wer­den kann. Sie ent­steht aus dem Zusam­men­spiel vie­ler Akteu­re, die unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven, Inter­es­sen und Erfah­run­gen einbringen. 

Die Fra­ge ist des­halb für uns weni­ger, wie wir Men­schen von einer Lösung über­zeu­gen, son­dern wie wir Bedin­gun­gen schaf­fen, unter denen gemein­sa­mes Ler­nen, neue Koope­ra­tio­nen und geteil­te Ver­ant­wor­tung ent­ste­hen können.