Wirkung verstehen, Politik bewegen: Wie der BNW seine Strategie schärft
Radikale Empathie als Schlüssel: Wirkungsorientierung in der politischen Praxis
Aus der gemeinsamen Idee, Verantwortung und Wirkung in der Wirtschaft greifbar zu machen, entstand zunächst das Wirkungsrad – eine praxisnahe Handreichung, die Mitgliedsunternehmen des Bundesverbandes Nachhaltige Wirtschaft (BNW) und darüber hinaus weiteren Betrieben Orientierung gibt. Im Prozess wurde klar: Auch der BNW selbst kann durch die Anwendung einer konsequenten Wirklogik noch viel für die eigene Arbeitsweisen und Zielsetzungen lernen. Im Kern stellt sich die Frage: Wie wirkt der BNW politisch?
PHINEO begleitete daher das BNW-Politik-Team bei der Weiterentwicklung ihrer Grundlagen der Wirkungsorientierung. Vom ersten Workshop bis zu intensiven Sparringsrunden wurde Theorie zur Praxis. Zeit also, das Erlebte Revue passieren zu lassen – mit Franziska Marten, ehemals Informationsvermittlerin beim BNW, und Jonas Fathy, Leiter der Analyse bei PHINEO.
Redaktion: Franziska, wenn du auf den Prozess zurückschaust, welche Herausforderungen sind dir in Erinnerung geblieben?
Franziska: Es ist immer eine Herausforderung im laufenden Betrieb einen Schritt zurückzutreten und sich als Organisation oder als kleineres Team auf eine Meta-Debatte einzulassen, um die Wirkung der eigenen Arbeit auf den Prüfstand zu stellen. Da der BNW immer wieder proaktiv Zukunftsthemen aufgreift und aktuell eine Organisationsentwicklung macht, haben wir dafür einen sehr guten Zeitpunkt erwischt. Eine der größten Herausforderungen war es sicherlich die relevante Zielgruppe an einen Tisch zu bekommen. Bei unserem Zielgruppen-Workshop ging es dabei vor allem um Mitglieder des Bundestags und Mitarbeitende der relevanten Ministerien. Darin liegt meiner Meinung nach auch die besondere Kraft des Wirkungs-Ansatzes: Die Perspektive der jeweiligen Zielgruppe auf die eigenen Wirkungs- und Arbeitsziele systematisch zu integrieren.
Redaktion: Ihr habt also Politiker*innen eingeladen an einem Workshop teilzunehmen, um so direkt mit der Zielgruppe zu arbeiten. Welche Erkenntnisse habt ihr daraus mitgenommen?
Franziska: Genau. Wir haben sie zum Beispiel gefragt, welche Vorstellungen sie von den BNW-Wirkzielen haben und was genau sie benötigen, um Nachhaltigkeit im politischen Kosmos zu thematisieren. Von der Klarheit in der Formulierung der Ziele profitierten wir enorm. Diese Zuspitzung auf das Wesentliche hat den gesamten Prozess nachdrücklich bereichert. Denn unsere Wirkziele wurden durch den persönlichen Austausch noch greifbarer und mit Leben gefüllt.
Franziska Marten
„Die Perspektive der Zielgruppe systematisch einzubeziehen und unsere Wirkziele mit ihrer gelebten Realität abzugleichen, hat unsere Arbeit deutlich klarer und greifbarer gemacht.“
Redaktion: War das ein Aha-Moment?
Franziska: Schon auch, aber mein größter Aha-Moment kam, nachdem die Ziele feststanden. Im Prozess war ich mit dem Politik-Team gerade dabei, die Wirkketten zu formulieren, als Jonas mir bei einem Sparringsgespräch den Tipp gab, es komme darauf an, jeden Wirkungsschritt aus der Perspektive einer ‚radikalen Empathie‘ mit der Zielgruppe zu betrachten. An dem Punkt habe ich dann richtig verinnerlicht, worauf der gesamte Prozess hinausläuft.
Redaktion: Radikale Empathie?
Jonas: Wirkungsorientierung erfordert, sich konsequent in die Perspektive der Zielgruppe hineinzudenken. Man muss sie verstehen, um Bedarfe zu erkennen und dann entsprechende Angebote zu schaffen, die wirken und somit die Lebenswelt der Zielgruppe verbessern. Der BNW-Workshop war etwas Besonderes schon allein auf Grund der Zielgruppe Politik.
Redaktion: Weil?
Jonas: Grundsätzlich ist politische Verbandsarbeit einfach komplex: Wie vertritt man die Interessen so, dass sie anschlussfähig sind, sodass komplexe Sachverhalte für Politiker*innen möglichst schnell greifbar und begreifbar sind. Hinzu kommt, dass die angestrebten Lösungen auch solche sind, die die erwünschten Wirkungen auf die Gesellschaft entfalten. Konkret heißt das: Welche Informationen und Materialien benötigt eine Politikerin, um das Thema Nachhaltigkeit zu promoten, damit am Ende die Gesellschaft davon profitiert. Es war bemerkenswert, dass sich teilnehmende Politiker*innen im hektischen Tagesgeschäft die Zeit genommen haben ihre Perspektive zu teilen. Das ist es immer, wenn Zielgruppen bei solchen Gesprächen dabei sind! Aber es deutet auf den besonderen Mehrwert des BNW für diese Politiker*innen hin. Und es hat die Bedarfe der Politiker*innen viel stärker und klarer zum Leben erweckt.
Franziska: Ich denke, dass die eigene Arbeit immer davon profitiert, zwischendurch einen Schritt zurückzutreten und unser Wirken mit der gelebten Realität der Zielgruppe abzugleichen. Das Politik-Team des BNW hat dabei auch mitgenommen, dass es auf einem sehr guten Weg ist. Das noch mal bestätigt zu wissen, ist auch etwas sehr Wirkmächtiges.
Jonas Fathy
„Wirkungsorientierung heißt für mich Ergebnisorientierung mit radikaler Empathie: Es geht um beobachtbare Ergebnisse, die für die Zielgruppe wirklich zählen.“
Redaktion: Was hat sich konkret für dich und den BNW durch die Wirkungsbegleitung verändert?
Franziska: Die Klarheit, mit der die Zielgruppe eigene Bedarfe angesprochen hat, hat im Team noch mal neue Denkprozesse gestartet. So haben wir auch im aktuellen Prozess bereits den Grundstein für die Wirkungserfassung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des BNW gelegt. Zudem fließt der Ansatz der ‚radikalen Empathie‘ in den Gesamtstrategie-Prozess des Verbandes ein.
Jonas: Dass der Ansatz es in die Gesamtstrategie geschafft hat, ist bemerkenswert. Ich würde gern ergänzen, dass wir im engen Austausch miteinander zur Schärfung der Wirkungsziele die Definitionsvariante von Wirkungsorientierung als Ergebnisorientierung mit radikaler Empathie entwickeln konnten. Das ist ein Weg, Wirkung zu „de-mystifizieren“ – denn es geht bei Wirkungen schlussendlich um greifbare und beobachtbare Ergebnisse, allerdings vor allem um die, die für die Zielgruppe wirklich zählen. Es war also nicht nur ein Prozess, bei dem der BNW seine politische Wirkungsstrategie schärfen konnte, sondern zeigt auch, wie wir als PHINEO unsere Ansätze schärfen und weiterentwickeln.
Redaktion: Gab es einen persönlichen Lerneffekt für dich, Franziska?
Franziska: Dass wir am Ende von den PHINEO-Expert*innen sehr gute Feedback zu unserem finalen Wirkmodell erhalten haben, macht uns alle etwas stolz. Was ich persönlich mitnehme, ist die Erkenntnis, dass Menschen innerhalb eines Teams ein sehr unterschiedliches Verständnis der Wirkungslogik ihrer Arbeit haben können, ohne dass das im operativen Geschäft auffällt. Ich finde es daher toll, genau das mal zum Thema zu machen und bin ganz dankbar für diesen sehr bereichernden Perspektiv-Austausch.
Redaktion: Vielen Dank euch beiden für das Gespräch.
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