SKala-CAM­PUS

Flex­i­bil­ität, Wertschätzung und Kreativ­ität – Coach e. V. zum Umgang mit Krisen im Non-Profit-Sektor

Die Köl­ner Ini­tia­tive für Bil­dung und Inte­gra­tion junger Migrant*innen, Coach e. V., geht gestärkt aus einem tur­bu­len­ten Schul­jahr her­vor. Her­aus­forderun­gen durch geschlossene Schulen und Abstand­sregeln stell­ten sich für den gemein­nützi­gen Vere­in als über­wind­bar dar. Im Gespräch mit PHI­NEO berichtet der Geschäfts­führer Ahmet Sino­plu von seinem Umgang mit Fördergeldern, kreativ­en Kon­tak­twe­gen zur Ziel­gruppe und dig­i­taler Kommunikation.

PHI­NEO: Coach e. V. set­zt sich für Chan­cen­gerechtigkeit in der Bil­dung und gegen Diskri­m­inierung in der Gesellschaft ein. Wie genau macht ihr das?

Ahmet Sino­plu: Stu­di­en zeigen, dass viele Jugendliche mit Migra­tions­geschichte Prob­leme im drei­gliedri­gen Schul­sys­tem haben. Je nach Bil­dungs­stand der Eltern wird dies noch ver­schärft. Als Beratungsstelle und interkul­turelles Zen­trum für Jugendliche und ihre Fam­i­lien sind wir an drei Stan­dorten in Köln aktiv. Wir begleit­en junge Men­schen seit 15 Jahren bei Schul­prob­le­men und beim Über­gang von der Schule in den Beruf. Dafür bieten wir zum Beispiel kosten­lose Hausauf­gaben­hil­fe auf frei­williger Basis. Etwa 400 Jugendliche nehmen regelmäßig und mehrmals die Woche unsere Ange­bote wahr.

Beziehungsar­beit ist uns dabei unheim­lich wichtig, sowohl mit den Jugendlichen als auch langfristig mit den Eltern und Fam­i­lien. Die Hausauf­gaben­hil­fe ist oft nur ein Türöffn­er für andere For­men der Beratung und Begleitung. 

Uns geht es nicht nur um den schulis­chen oder beru­flichen Erfolg, son­dern wir wollen auch, dass die Jugendlichen im Hier und Heute glück­lich sind. Deshalb ist Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung ein weit­eres wichtiges Feld unser­er Arbeit: Wir fördern kul­turelle und poli­tis­che Bil­dung über Par­tizipa­tions- und Demokratieprojekte. 

Im Schnitt begleit­en wir die Jugendlichen zwis­chen drei und fünf Jahren. Wir sind Part­ner der Fam­i­lien, aber auch der Schulen.

Die Krise als Lern­prozess wahrnehmen

Das ver­gan­gene Schul­jahr hat­te für uns alle ja einige Über­raschun­gen parat. Geschlossene Schulen und Aus­gangs­beschränkun­gen stell­ten beson­ders das Bil­dungssys­tem auf den Kopf. Was waren für euch die größten Her­aus­forderun­gen der let­zten Monate?

All unsere Ange­bote fan­den bis Anfang des Jahres ana­log statt. Als dann im Früh­jahr unsere Begeg­nungsräume schließen mussten, standen wir vor ganz neuen Fra­gen: Wie soll­ten wir nun unsere Ziel­gruppe erre­ichen? Wie bekom­men wir über­haupt mit, wie es ihnen geht?

Unser Vorteil ist, dass wir auf allen Ebe­nen auf Beziehungsar­beit set­zen. Um das vielfältige Ange­bot von Coach e. V. über­haupt erst nutzen zu kön­nen, durch­läuft unsere Ziel­gruppe einen Auf­nah­me­prozess, indem Bedarfe erörtert wer­den, eine Ver­trauens­ba­sis mit unseren päd­a­gogis­chen Mitar­bei­t­en­den aufge­baut wird und Kon­tak­t­dat­en hin­ter­legt wer­den. Wir haben tat­säch­lich alle unsere Jugendlichen abtele­foniert – mehrfach und immer wieder. Das war nicht nur wichtig, um den Kon­takt zu hal­ten, son­dern auch, um Bedarfe zu analysieren. So wurde schnell klar, welche Schiefla­gen zu Hause herrscht­en, ob über­haupt dig­i­tale Zugänge vorhan­den sind und wie wir die Kinder und Jugendlichen best­möglich unter­stützen kön­nen. Bei der Kom­mu­nika­tion hat uns extrem geholfen, dass in unserem Team mehr als zehn Sprachen gesprochen wer­den. Außer­dem haben wir über 100 Lap­top­spenden für Fam­i­lien ohne dig­i­tale Arbeits­geräte organ­isiert. In Einzelfällen haben wir Haus- oder vielmehr Fen­sterbe­suche – gemacht, um die Fam­i­lien zu erreichen.

Im näch­sten Schritt haben wir ein dig­i­tales Alter­na­tivpro­gramm auf die Beine gestellt. Aber ich will da ganz ehrlich sein: Wir kon­nten nicht alle Jugendlichen dig­i­tal gle­icher­maßen erre­ichen. Wenn wir davon aus­ge­hen, dass wir zu Beginn tele­fonisch noch alle Jugendlichen erre­icht haben, dann war es im Rah­men der dig­i­tal­en Ange­bote nur noch etwa ein Drit­tel. Doch je mehr Erfahrun­gen wir sam­meln kon­nten, umso bess­er wurde es. Das war ein Lern­prozess für uns alle. Die größte Her­aus­forderung war für uns wohl, dass wir mehr Ressourcen braucht­en. Eine dig­i­tale Lern­förderung lässt sich nicht in der Tiefe, Größe und dem Umfang umset­zen wie eine analoge. Dafür braucht es mehr Mitarbeitende.

Part­ner­schaftliche Zusam­me­nar­beit – auch mit Förderern

Wie seid ihr an mehr Mitar­bei­t­ende und weit­ere Ressourcen gekommen?

Als allererstes haben wir unsere Ehre­namtlichen und ehe­ma­li­gen Teil­nehmenden kon­tak­tiert, die uns unkom­pliziert geholfen haben. Teilzeit- und Hon­o­rarkräfte haben uns in der akuten Phase auch ehre­namtlich unter­stützt, indem sie auf Hon­o­rar verzichtet haben. Das ist ein Zusam­men­halt, der sich vor allem in Krisen zeigt! Wir hat­ten sog­ar Eltern, die in Kurzarbeit waren und ihre freie Zeit genutzt haben, um Lap­top­spenden zu repari­eren und zu den Fam­i­lien zu brin­gen. Das war wirk­lich toll!

Außer­dem gab es gle­ich zu Beginn eine Stiftung, die uns sig­nal­isierte: Hey, wir wis­sen, dass es Schwierigkeit­en gibt! Geht mit unser­er Förderung gerne flex­i­bel um! Und sagt uns Bescheid, wenn ihr mehr Bedarfe habt!“ Dadurch mussten wir tat­säch­lich auch nie­man­den in Kurzarbeit schick­en, obwohl wir natür­lich auch Aus­fälle an Ein­nah­men hat­ten. Außer­dem prof­i­tierten wir von ver­schiede­nen Soforthil­fe-Pro­gram­men mit kleineren Beträ­gen. Aber das wichtig­ste für uns waren tat­säch­lich die größeren Stiftun­gen, die gesagt haben: Unsere Mit­tel kön­nt ihr bei Bedarf auch anderes ver­wen­den!“ Dies gab uns die Möglichkeit, dig­i­tal mehr zu machen und Per­son­al auch anders einzuset­zen. Diese Flex­i­bil­ität hat uns stabilisiert.

Ihr habt also gute Erfahrun­gen mit der Flex­i­bil­ität von Fördern­den gemacht. In ein­er der ver­gan­genen virtuellen Kaf­feep­ausen habe ich wahrgenom­men, dass es vie­len Non-Prof­it-Organ­i­sa­tio­nen nicht so erg­ing und dies­bezüglich eher Frust herrschte.

Ja, wir haben größ­ten­teils gute Erfahrun­gen gemacht. Die SKala-Ini­tia­tive hat für eine flex­i­ble Förderung ziem­lich schnell grünes Licht gegeben, aber auch eine andere große Stiftung war da wirk­lich vorbildlich! 

Das war unsere Ret­tung. Diese pos­i­tive Erfahrung hat mir auch Mut gemacht, bei anderen Stiftun­gen nachzufra­gen. Natür­lich gab es da auch einzelne, die unsich­er waren, aber wir haben ja auch keine Gelder zweck­ent­fremdet. Die Fördern­den, mit denen wir part­ner­schaftlich arbeit­en, waren da tat­säch­lich sehr offen.

Uns fehlt es auch an freien Spenden und freien Ein­nah­men, die wir im Nor­mal­fall durch unsere Ver­anstal­tun­gen, Vorträge und Work­shops haben. Aber selb­st da hat uns eine Stiftung geholfen, diese fehlen­den Gelder teil­weise auszu­gle­ichen. Darüber hin­aus haben wir kreative Aktio­nen, wie zum Beispiel eine dig­i­tale Wohnz­im­mer-Spende­nak­tion, umge­set­zt, um an weit­ere freie Mit­tel zu kommen. 

Den­noch sind wir als gemein­nützige Organ­i­sa­tion, die sich pro­jek­tab­hängig finanziert und kaum fest geförderte Struk­turen und Rück­la­gen hat, langfristig immer noch in Gefahr. Obwohl wir in der Krise schnell und unkom­pliziert dazu beige­tra­gen haben, dass den Kindern, Jugendlichen und Fam­i­lien geholfen wird, blick­en auch wir, wie viele in der Zivilge­sellschaft, in eine ungewisse Zukunft.

Langfristig dig­i­tal gut aufgestellt bleiben

Was habt ihr aus dem ver­gan­genen Schul­jahr gel­ernt und inwiefern bere­it­et ihr euch nun anders vor? Wie plant ihr das kom­mende Schuljahr?

Zukün­ftig wollen wir nun langfristig analoge und dig­i­tale Ange­bote kom­binieren. Dig­i­tale Kom­pe­ten­zen in den Fam­i­lien rück­en damit in den Fokus, auch das wollen wir fördern und bieten nun Work­shops dafür an. Außer­dem stat­ten wir die Fam­i­lien auch mit Endgeräten und Zugän­gen aus. Wir sind qua­si auf zukün­ftige Lock­downs vorbereitet. 

Zudem bieten wir hybride Ver­anstal­tun­gen an, weil nicht mehr so viele Jugendliche auf ein­mal in die Lern­förderun­gen kom­men können.

Wir denken auch bere­its an den Herb­st, wenn man Tre­f­fen nicht mehr so ohne Weit­eres draußen an der frischen Luft abhal­ten kann. Wir pla­nen mehr räum­liche Ressourcen ein, um Abstand­sregeln ein­hal­ten zu kön­nen. Da denken wir ganz kreativ an Bürg­erzen­tren und leer­ste­hende Auto­häuser, um genug Platz zu haben (lacht).

Welchen Ein­fluss hat­te die plöt­zliche Dig­i­tal­isierung der Kom­mu­nika­tion denn auf euer Team?

Dank unseres Vor­standes hat­ten wir die Grund­la­gen für eine gute dig­i­tale Zusam­me­nar­beit qua­si schon in der Schublade als die Beschränkun­gen im Früh­jahr starteten. Inner­halb eines Tages kon­nten wir das Pro­gramm ein­richt­en und auch intern dig­i­tal gut zusammenarbeiten. 

Als Geschäfts­führung war es aber trotz­dem eine große Her­aus­forderung für uns, allen im Team mit ihren unter­schiedlichen Stun­den­zahlen und Erfahrun­gen im Dig­i­tal­en gerecht zu wer­den. Mir fehlten vor allem die kurzen Flurge­spräche. Aber wir wis­sen: Das ist eine Phase, das ist eine Krise! Da müssen wir gemein­sam durch und das stärkt ein Team ja auch.

Syn­ergien und gemein­sames Ler­nen als Zukunftswunsch

Das neue Schul­jahr begin­nt ger­ade erst und wir wer­den sehen, was uns den Herb­st und Win­ter über noch erwartet. Was wün­scht du dir denn für die Zukunft?

Ich wün­sche mir vor allem die Stärkung der Kinder- und Jugen­drechte. Diese sind in der Krise bish­er sehr ver­nach­läs­sigt wor­den. Es reicht nicht, dass wir ver­gan­ge­nes Jahr alle den 30-jähri­gen Geburt­stag der UN-Kinder­rechte gefeiert haben; wir müssen sie auch leben.

Außer­dem wün­sche ich mir, dass die Schulen das The­ma Dig­i­tal­isierung ernst nehmen. Wir kön­nen uns langfristig keine Coro­na-Ferien“ leis­ten, son­dern brauchen nach­haltige Dig­italkonzepte. Und Lehrer*innen soll­ten mehr Wert auf Beziehungsar­beit leg­en und sich auch über den Unter­richt hin­aus für die Schüler*innen inter­essieren – ins­beson­dere in Zeit­en von Social Distancing.

Von Fördern­den wün­sche ich mir Wertschätzung, Anerken­nung und Flex­i­bil­ität – auch langfristig. Und gle­ichzeit­ig auch Offen­heit und Trans­parenz: Wir alle befürcht­en, dass die Gelder nicht reichen wer­den, um sich den Her­aus­forderun­gen der kom­menden Zeit in der Sozialen Arbeit zu stellen. Da würde ich mir wün­schen, dass man gemein­sam über­legt, wie wir damit umge­hen. Wir brauchen mehr als einen Ret­tungss­chirm, son­dern nach­haltige Maß­nah­men. Und wenn Gelder nicht da sind, dann kön­nen Stiftun­gen und Geldge­ber ja vielle­icht auch über ihr Net­zw­erk und weit­ere Finanzierungsideen weiterhelfen.

Vielle­icht kann die aktuelle Sit­u­a­tion auch dazu führen, dass Fördernde, Poli­tik und Ver­wal­tung doch noch mal auf den gemein­wohlo­ri­en­tierten Sek­tor blick­en und dabei die insti­tu­tionelle Leis­tungs­fähigkeit, Struk­turen sowie Finanzierung der Zivilge­sellschaft nach­haltig sich­ern. Dabei sollte auch eine pro­jek­tun­ab­hängige Struk­tur­förderung mit Blick auf Ver­wal­tungskosten, Organ­i­sa­tion­sen­twick­lung und Qual­itäts­man­age­ment berück­sichtigt werden.

Son­st kön­nen bei andauern­den Krisen kaum der soziale Zusam­men­halt und die gesellschaftliche Sta­bil­ität gesichert werden.

Ganz all­ge­mein wün­sche ich mir mehr Syn­ergien, sodass Fehler nicht wieder­holt wer­den, son­dern wir gemein­sam ler­nen kön­nen – auch mit Hil­fe von neuen, kreativ­en Modellen. 

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