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Worauf es beim Spenden ankommt

Die Entschei­dung für die richtige Organ­i­sa­tion ret­tet Leben – Fach­leute geben Rat

F.A.Z., 19.12.2020. Gus­tav Theile. Die Wohltätigkeit­sor­gan­i­sa­tio­nen trom­meln an Wei­h­nacht­en, man möge zum Fest der Liebe doch auch an die Schwäch­sten auf dem Plan­eten denken. In den Gottes­di­en­sten an Heili­ga­bend wird für Brot für die Welt oder Adve­ni­at gespendet, dieses Jahr gibt es auch dafür Online-Lösun­gen. Beim Wei­h­nacht­sessen fühlt man sich danach gut: Man hat ja geteilt und geholfen.

Johannes Haushofer hält davon gar nichts. Sein Urteil ist hart: Da hat man die Näch­sten­liebe hin­tangestellt.“ Haushofer beschäftigt sich viel damit, wie sich Men­schen in Entwick­lungslän­dern am besten helfen lässt. Er ist Ver­hal­tens- und Entwick­lungsökonom, hat zulet­zt als Pro­fes­sor an der amerikanis­chen Eli­te­u­ni­ver­sität Prince­ton gear­beit­et und wech­selt ger­ade an die Uni­ver­sität Stock­holm. Zudem leit­et er in Kenia ein eigenes Forschungszen­trum. Er ist bekan­nt für Stu­di­en, die durch eine zufäl­lige Verteilung von Maß­nah­men ähn­lich wie Exper­i­mente im Labor genau bes­tim­men kön­nen sollen, welchen Ein­fluss eine Maß­nahme wirk­lich hatte.

Haushofer find­et: Man soll sich beim Spenden daran ori­en­tieren, was dabei rumkommt, an der Evi­denz also, nicht an dem, was einem selb­st gefällt.“ Das ist in Deutsch­land noch nicht so ver­bre­it­et, meint der Ökonom. Hier spenden die Leute noch viel über alt­bekan­nte Organ­i­sa­tio­nen wie Brot für die Welt oder Mis­ere­or oder über den Bekan­ntenkreis. Da hat zum Beispiel Hans-Georg Kon­takt zu einem Dorf in Tansa­nia. Aber damit ist noch nicht gesagt, dass das effek­tiv ist.“ Er wirbt dafür, ratio­naler zu spenden, und ver­tritt einen Ansatz namens Effek­tiv­er Altru­is­mus“. Dieser prüft, wie knappe Ressourcen wie Geld und Zeit möglichst wirk­sam einge­set­zt wer­den kön­nen, um Men­schen­leben zu ret­ten oder zu verbessern. Es ist ein biss­chen so, als würde der Spender zum Investor, der für seine Gabe möglichst viel Wohltätigkeits-Ren­dite sehen will. 

Schadet die ökonomis­che Sicht? 

Man darf nicht nur über eine ökonomis­che Per­spek­tive auf den gemein­nützi­gen Sek­tor blick­en“, ent­geg­net Andreas Rick­ert. Dann würde man ihn der nor­ma­tiv­en Kraft berauben.“ Rick­ert ist Grün­der und Chef von Phi­neo, einem Berlin­er Analyse- und Beratung­sun­ternehmen für Wohltätigkeit­sor­gan­i­sa­tio­nen. Der Biologe, der unter anderem für die Welt­bank gear­beit­et hat, kri­tisiert am Effek­tiv­en Altru­is­mus“: Der bringt uns in moralisch schwierige Sit­u­a­tio­nen. Da müsste ich eine Bew­er­tung von Leben vornehmen.“ Er bekräftigt: Ich finde es nicht unmoralisch, dor­thin zu spenden, wo es mir wichtig ist.“ Gle­ichzeit­ig warnt er: Son­st müsste ich nur noch in Impf­pro­gramme in Afri­ka investieren. Da habe ich den größten Kosten-Nutzen-Hebel.“ Die Kri­tik Haushofers, dass die Deutschen zu wenig auf die Wirkung ihrer Spenden achteten, teilt Rick­ert aber.

Und auch in einem anderen Punkt sind die bei­den sich einig: Wenn man Men­schen fragt: Was macht eine gute Wohltätigkeit­sor­gan­i­sa­tion aus? Dann sagen die meis­ten: Ver­wal­tungskosten von null“, führt Rick­ert aus. Die Folge: Die kön­nen nicht pro­fes­sionell arbeit­en. Das bringt Organ­i­sa­tio­nen in prekäre Sit­u­a­tio­nen.“ Auch Haushofer kri­tisiert, es werde zu häu­fig geprüft, wie viel vom Spende­naufkom­men tat­säch­lich in den Pro­jek­ten lan­det. Der Anteil, der für Bürokratie draufge­ht, ist ein falsches Maß.“ Wenn eine Organ­i­sa­tion von 100 Dol­lar 99 für Bürokratiekosten aus­gebe und den­noch 100 Men­schen­leben rette, sei das bess­er, als wenn eine Organ­i­sa­tion mit 100 Dol­lar ein Leben rette, auch wenn sie alles weitergebe.

Warum Men­schen über­haupt spenden, dafür hat die Ver­hal­tensökonomie zwei Erk­lärun­gen, sagt Ökonom Haushofer. Die eine sei der soziale Druck: Wenn in der Kirche der Klin­gel­beu­tel herumge­ht, ist es pein­lich, nicht zu spenden.“ Die zweite: Die Men­schen als soziale Wesen spende­ten, weil es ihnen dadurch selb­st besserge­he, zu spenden erzeuge wohlige Wärme“. Doch genau dort sei das Prob­lem: Dann spenden die Leute trotz­dem nicht richtig. Warum spendet man dann nicht so, dass es dem anderen möglichst viel nützt?“ Rick­ert wider­spricht: Man darf eigene Inter­essen haben.“ Nur soll­ten diese nicht im Vorder­grund ste­hen und die Gemein­nützigkeit kon­terkari­eren. Es ist in Ord­nung, wenn man spendet, um sich selb­st bess­er zu fühlen.“ 

Tat­säch­lich ist das für viele Spender ein Motiv. Das zeigt eine Umfrage des Mark­t­forschung­sun­ternehmens Dyna­ta im Auf­trag der F.A.Z. Dafür wur­den Anfang Dezem­ber repräsen­ta­tiv 1000 Deutsche befragt. Etwa ein Drit­tel gab an, zu spenden, um sich selb­st bess­er zu fühlen. Jed­er Zehnte räumte sog­ar ein, aus steuer­lichen Grün­den zu spenden. Den­noch sagte auf die Frage, die mehrere Antwort­möglichkeit­en zuließ, mit etwa 75 Prozent eine große Mehrheit, sie spende, um anderen zu helfen. 

Wenn Rick­ert selb­st spendet, kommt der Fam­i­lien­rat zusam­men. Er tre­ffe die Entschei­dung mit seinen drei Töchtern gemein­schaftlich. Ich will die an die The­men her­an­führen. Man muss ein Gespür für gesellschaftlich­es Engage­ment bekom­men.“ Er stelle nur sich­er, dass die Organ­i­sa­tio­nen, die zur Auswahl ste­hen, möglichst wirk­sam seien. Dafür greife er auf die Analy­sen von Phi­neo zurück. Ins­ge­samt find­en sich auf der Inter­net­seite knapp 300 Pro­jek­te, die das Analy­se­haus als beson­ders wirk­sam empfiehlt. 

Direk­tzahlun­gen empfohlen 

Rick­erts Rat für andere ist, in drei Schrit­ten vorzuge­hen: Erst solle man sich über­legen, für welch­es The­ma man spenden wolle. Dann sei es wichtig, sich zu hin­ter­fra­gen, wo der gesellschaftliche Bedarf beste­ht. Wer für Bil­dungs­gerechtigkeit spenden wolle, solle sich etwa über­legen, wo es Lück­en in der Arbeit gebe. Viele Organ­i­sa­tio­nen unter­stützten Jugendliche, für Fam­i­lien gebe es dage­gen weniger Hilfe. 

Fragt man Haushofer nach konkreten Pro­jek­ten, emp­fiehlt er zum Beispiel Direk­tzahlun­gen an Men­schen, also Pro­jek­te, in denen Bedürftige in Entwick­lungslän­dern ohne jede Bedin­gung Geld erhal­ten. Zudem seien Gesund­heits­maß­nah­men sehr wirk­sam. Ein klas­sis­ches Beispiel sind Entwur­mungskuren. Die sind wahnsin­nig effek­tiv, wenn es um Bil­dungschan­cen von Kindern geht. In Indi­en wur­den 2020 rund 300 Mil­lio­nen Kinder entwurmt.“ Er selb­st ori­en­tiert sich an den Empfehlun­gen von Givewell. 

Die Organ­i­sa­tion iden­ti­fiziert nach eige­nen Angaben die wirk­sam­sten Wohltätigkeit­sor­gan­i­sa­tio­nen und greift dabei auf wis­senschaftliche Stu­di­en zurück. Aktuell wer­den neun Organ­i­sa­tio­nen emp­fohlen. Vier zie­len darauf ab, Leben zu ret­ten; zwei ver­suchen, Malar­ia zu ver­hin­dern, indem sie Moski­tonet­ze oder Medi­zin verteilen. Eine gibt Vit­a­min A als Nahrungsergänzungsmit­tel aus, und eine weit­ere bezahlt Eltern dafür, dass sie ihre Kinder impfen lassen. Die anderen fünf Organ­i­sa­tio­nen sind darauf aus­gerichtet, die Lebenssi­t­u­a­tion von Men­schen zu verbessern. Vier sind im Bere­ich Entwur­mung aktiv. Eine verteilt Geld, ohne es an Bedin­gun­gen zu knüpfen.

Der Artikel ist am 19. Dezem­ber 2020 erschienen unter https://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​ll/wi…

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